„IMAGINE”
– nicht nur ein Lied von John Lennon.

Die Vorstellungskraft ist göttlich! Diese Behauptung mag abenteuerlich klingen. Ist das Göttliche also Fantasie?
Wenn wir auf die Geschichte zurückblicken, neigen wir dazu, vergangene Zivilisationen anhand ihrer militärischen Macht, ihrer massiven Megalithen, ihrer Architektur und ihrer Kunst zu beurteilen. Dabei vergessen wir oft, dass all diese Dinge das Ergebnis von Vorstellungskraft sind. Im Laufe der Geschichte und in verschiedenen Kulturen wurde die Vorstellungskraft oft nicht als Fantasie oder Flucht betrachtet, sondern als heilige Fähigkeit, als Schnittstelle zwischen Menschlichkeit und Göttlichkeit oder als Höhepunkt menschlicher Errungenschaften.
In frühen Kulturen wurde die Vorstellungskraft nicht wie heute von der Realität unterschieden. Mythen, Rituale und Visionen waren wirksam und prägten die Welt. In schamanischen Traditionen (beispielsweise bei den Sibiriern, den Amazonas-Völkern, den Kelten und den Aborigines) galt die Vorstellungskraft als Fähigkeit zum Reisen. Durch Trance, Geschichten und Visionen gelangte der Schamane in Bereiche der Vorstellungskraft, die als ontologisch real angesehen wurden. Von dieser Fähigkeit hingen Heilung, Prophezeiung und die Aufrechterhaltung des kosmologischen Gleichgewichts ab.
Mytho-poetisches Bewusstsein
– oder die Art und Weise, wie man früher die Welt und sich selbst vor allem in Bildern, Erzählungen und Symbolen erfuhr und deutete, statt dies in abstrakten Begriffen oder rein rationalen Theorien zu tun.
Platon (4. Jahrhundert v. Chr.) wird oft vorgeworfen, der Vorstellungskraft zu misstrauen, was jedoch nur teilweise zutrifft. In „Ion” und „Phaidros” finden wir den Ausdruck „poetische Inspiration (Manie)”, in dem Dichtern nachgesagt wird, sie seien „von den Göttern besessen”. In diesem Verständnis ist Vorstellungskraft keine persönliche Erfindung, sondern Empfang. Die Seele erinnert sich durch Bilder und Mythen an die Formen (Anamnese oder Erinnerung). Der Mythos wird so zur Leiter zur Wahrheit.
Für Aristoteles ist die Vorstellungskraft Phantasie und vermittelt zwischen Wahrnehmung und Intellekt. Obwohl Aristoteles zurückhaltender ist als Platon, betrachtet er die Vorstellungskraft dennoch als wesentlich für das Denken selbst. Im griechischen Denken wurde die Vorstellungskraft nicht als Höhepunkt, sondern als notwendige Brücke zwischen menschlicher Vernunft und göttlicher Ordnung betrachtet.
Wie der deutsche Philosoph und Philosophiehistoriker Ernst Cassirer später argumentierte, lebte die frühe Menschheit in einem symbolischen Universum und besaß ein mythopoetisches Bewusstsein. Die Vorstellungskraft „repräsentierte“ die Welt nicht, sondern offenbarte sie. In diesem Sinne ist die Vorstellungskraft göttlich, da sie an der kosmischen Ordnung teilhat. Sich etwas vorzustellen bedeutet, sich auf die heilige Struktur der Realität einzustimmen.
Owen Barfield, ein Freund Tolkiens und Lewis, entwickelte das Konzept der „ursprünglichen Teilhabe”. Es bietet eine der klarsten Perspektiven, um zu verstehen, was verloren gegangen ist und welche neue Renaissance möglich wäre. Sobald man dies in den Mittelpunkt stellt, wird ein Großteil der Geschichte klar. Laut Barfield gab es im frühen menschlichen Bewusstsein keine scharfe Trennung zwischen Subjekt und Objekt, Innen und Außen oder Vorstellungskraft und Wahrnehmung. Die Welt hatte an allen Ecken und Kanten Sinn und Bedeutung.
Ein Baum war nicht nur ein neutrales Objekt oder eine mentale Interpretation. Er war eine lebendige Präsenz, die bereits mit dem menschlichen Bewusstsein verflochten war. Das ist die von Owen genannte ursprüngliche Teilhabe. Wenn Bedeutung in der Welt vorhanden ist, nimmt das Bewusstsein an der Realität teil, anstatt ihr gegenüberzustehen, und Vorstellungskraft ist kein individuelles, sondern ein gemeinsames Feld.
Vorstellungskraft als Aufstieg der Seele.
Die Spätantike und der Neoplatonismus waren in dieser Hinsicht ein entscheidender Moment.
Für Plotin (3. Jahrhundert n. Chr.) ist die Realität eine Kaskade vom Einen über den Nous zur Seele und schließlich zur Materie. Die Vorstellungskraft (phantasia) ist das Mittel, mit dem die Seele mithilfe von Bildern zum Guten aufsteigt. Man glaubte, dass rituelle Vorstellungskraft eine göttliche Präsenz aktivierte und dass Symbole, Bilder und Riten nicht nur Metaphern waren, sondern die Götter tatsächlich gegenwärtig machten (Theurgie). So wurde die Vorstellungskraft ausdrücklich als heilig angesehen und fungierte als Brücke zwischen den Welten.
Im frühen Christentum galt die Vorstellungskraft jedoch zugleich als gefährlich und unverzichtbar. Es bestand ein Spannungsverhältnis zwischen Misstrauen und Notwendigkeit. Einerseits kann die Vorstellungskraft zu Illusionen, Götzendienst oder Versuchung führen, andererseits hängt die Heilige Schrift von ihr ab, ebenso Gleichnisse, Visionen und Ikonen.
Ein entscheidender Moment trat ein, als Augustinus die Bedeutung der Vorstellungskraft für das Gedächtnis, das Gebet und die innere Vision erkannte und gleichzeitig die Notwendigkeit von Disziplin betonte. Im östlichen Christentum wurden Ikonen auch als „Fenster zum Himmel” betrachtet, durch die Gläubige bei richtiger Anordnung an der göttlichen Präsenz teilhaben konnten. Zu dieser Zeit wurde die Vorstellungskraft nicht als Höhepunkt, sondern eher als Ort des spirituellen Kampfes betrachtet.
Einer ihrer Höhepunkte kam mit der mittelalterlichen Mystik. Im 12. Jahrhundert wurde Hildegard von Bingens visionäre Vorstellungskraft, eine Konvergenz von Bildern, Musik und Kosmologie, ausdrücklich als göttliche Offenbarung anerkannt.
Meister Eckhart sprach vom „Funken der Seele,” durch den Gott in die Menschheit hineingeboren wird. Durch diese gereinigte Vorstellungskraft wurde man für die göttliche Geburt durchlässig.
Das von Ibn ʿArabī (12.–13. Jahrhundert) eingeführte Konzept des „Alam al-Mithal” oder der „Imaginären Welt” wird in der islamischen Philosophie und Mystik jedoch oft übersehen. Dieser Bereich ist weder imaginär noch materiell, sondern vielmehr ein tatsächlicher Zwischenraum, in dem Gott sich in verschiedenen Formen offenbart. Henry Corbin bezeichnete dies später als „mundus imaginalis.” Dies ist wohl die klarste Formulierung der Vorstellungskraft als göttliche Fähigkeit in jeder Tradition. Hier ist Vorstellungskraft keine Fantasie, sondern eine ontologische Wahrnehmung.
Während der Renaissance wurde die Vorstellungskraft schließlich ausdrücklich zum Höhepunkt der menschlichen Entwicklung oder zur göttlichen Kraft im Menschen. Marsilio Ficino und Pico della Mirandola stellten die Menschheit in die Mitte des Kosmos und machten sie damit frei, aufzusteigen oder abzusteigen. Die Vorstellungskraft ermöglicht somit die Teilhabe an engelhaften und göttlichen Bereichen.
Giordano Bruno betrachtete die Vorstellungskraft als magische Kraft und glaubte, dass der menschliche Geist sich selbst und die Welt durch Bilder umgestaltet und dass Gedächtnissysteme kosmologische Karten sind. In dieser Zeit wurde die Vorstellungskraft als kreative Teilhabe an der göttlichen Intelligenz angesehen.
Der Niedergang der Vorstellungskraft
Der moderne Bruch kam mit der Aufklärung, einer Zeit, die oft als Befreiung der Vernunft vom Aberglauben gefeiert wird. Diese Befreiung wurde jedoch durch eine erhebliche Einschränkung dessen erreicht, was die Vernunft sein durfte. Um Gewissheit zu erlangen, wurde Wissen um seine partizipativen, symbolischen und imaginativen Dimensionen beraubt. Die Rationalität wurde erhöht, indem die Vorstellungskraft herabgestuft und neu definiert wurde – als bloße Fantasie, Subjektivität, Projektion oder Irrtum. Dies war keine geringfügige philosophische Anpassung, sondern eine Neukonfiguration des Bewusstseins.
René Descartes suchte nach unbestreitbaren Grundlagen für Wissen. Er fand sie im methodologischen Zweifel, der im Cogito gipfelte: dem denkenden Subjekt als dem Einzigen, was nicht angezweifelt werden konnte. Dieser Ansatz hatte jedoch tiefgreifende Konsequenzen. So wurde die Realität in zwei Substanzen unterteilt: res cogitans (denkender Geist) und res extensa (ausgedehnte Materie).
Die Vorstellungskraft, die einst zwischen der inneren und der äußeren Welt vermittelt hatte, wurde nun allein auf den Verstand beschränkt und mit Misstrauen betrachtet. Zwar konnte sie weiterhin Bilder erzeugen, doch diese galten nicht mehr als Träger der Wahrheit. Die Wahrheit gehörte nun klaren und eindeutigen Ideen, die vom rationalen Verstand erfasst und vorzugsweise in mathematischer Form ausgedrückt werden konnten.
Durch sein Streben nach Gewissheit entfernte Descartes die Vorstellungskraft effektiv aus der Ontologie. Sie überlebte nur noch als mentales Nebenprodukt.
Thomas Hobbes vollendete diese Reduktion. Für ihn war die Vorstellungskraft lediglich ein „verfallender Sinn” und das verblassende Abbild der Wahrnehmung. Sie hatte keinen unabhängigen Zugang zur Wahrheit, keine offenbarende Funktion und keine spirituelle Tiefe. Was frühere Kulturen als Symbole oder Visionen erlebt hatten, wurde nun als psychologischer Rückstand interpretiert.
Dadurch wurde das Imaginäre vollständig verflacht. Sobald die Vorstellungskraft auf innere Echos reduziert ist, kann sie keine Autorität mehr infrage stellen, keine Bedeutung offenbaren und dem menschlichen Leben keine über grundlegende Wünsche und Ängste hinausgehende Richtung mehr geben. Die politische Implikation ist frappierend: Wenn die Vorstellungskraft keine Wahrheit offenbart, muss Ordnung von außen auferlegt werden. Souveränität ersetzt Teilhabe.
Spätere Empiriker wie Locke und Hume verschärften diesen Bruch noch weiter. Wissen wurde auf Sinneswahrnehmung und rationale Organisation beschränkt. Alles, was sich nicht auf Sinneswahrnehmungen zurückführen ließ, wurde misstrauisch beäugelt oder gänzlich abgelehnt.
Die Vorstellungskraft blieb zwar bestehen, jedoch lediglich in Form von Assoziationen, Gewohnheiten und mentaler Bequemlichkeit. Die Welt wurde zu einer Ansammlung neutraler Fakten ohne innere Bedeutung. Wert, Zweck und Symbolik wurden ins Private verlagert. So entstand die moderne Trennung von Fakten und Werten.
Die psychologischen Kosten waren beträchtlich. Das Ergebnis war ein Mensch, der sich zunehmend von der Welt, in der er lebte, entfernte. Die Natur wurde zu träger Materie, Sprache zu einem Werkzeug, Kunst zu Dekoration oder Unterhaltung und Bedeutung zu einer Frage der persönlichen Vorliebe.
Dies führte zwar zu einer außergewöhnlichen technischen Leistungsfähigkeit, ging jedoch auf Kosten der existenziellen Kohärenz. Wie Barfield später feststellte, war die Bedeutung nicht verschwunden, sondern hatte sich lediglich ins Individuum zurückgezogen, wo sie sich in Meinungen, Ideologien und Fantasien aufspaltete. Die Moderne gewann die Kontrolle, verlor jedoch ihre Orientierung.
Die Rückkehr der Vorstellungskraft als höchste menschliche Fähigkeit
Die Romantik war eine bewusste Gegenbewegung. Samuel Taylor Coleridge, ein englischer Dichter der Romantik, Kritiker und Philosoph, unterschied zwischen „Fantasie” und „Vorstellungskraft” und betrachtete Letztere als die treibende Kraft hinter jeder menschlichen Wahrnehmung, die den göttlichen Schöpfungsakt widerspiegelt.
William Blake behauptete, dass die Vorstellungskraft kein Zustand, sondern das Wesen der menschlichen Existenz sei. Gott ist nicht von der Vorstellungskraft getrennt, sondern erscheint durch sie.
Friedrich Wilhelm Joseph Schelling erklärte, dass Kunst die höchste Offenbarung der Wahrheit sei und Natur und Geist durch die Vorstellungskraft vereine. Hier ist die Vorstellungskraft wieder der explizite Höhepunkt der menschlichen Entwicklung.
In der Tiefenpsychologie des 19. und 20. Jahrhunderts vertrat Jung die Ansicht, dass die aktive Vorstellungskraft autonome Archetypen offenbart, die nicht erfunden, sondern erlebt werden. Die Individuation hängt von der Auseinandersetzung mit dem imaginären Bereich ab.
Aufbauend darauf sah James Hillman die Psyche als Bild und argumentierte, dass es nicht darum gehe, Bilder wegzudeuten, sondern sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Dadurch wird die Vorstellungskraft erneut sakralisiert, ohne sie auf Theologie zu reduzieren.
Ein Muster entsteht.
Wenn eine Kultur davon ausgeht, dass die Realität flach ist, dann bedeutet das, dass sie annimmt, dass das, was wir sehen, alles ist, was existiert. Tiefe wird durch Oberfläche ersetzt und Geheimnis durch Mechanismus. Alles, was sich nicht quantifizieren lässt, wird als zweitrangig, subjektiv oder illusorisch betrachtet. Die Welt wird zu einem geschlossenen System effizienter Ursachen, in dem Wissen eher durch Vorhersagekraft als durch Einsicht definiert wird.
In einer solchen Welt wird die Wahrheit zu einem Mittel zum Zweck. Sie ist nicht mehr etwas, in dessen Beziehung man lebt, sondern etwas, das man nutzt. Wahrheit ist alles, was funktioniert, überzeugt und Ergebnisse hervorbringt. Unter diesen Bedingungen löst sich die Bedeutung von der Existenz und wird wieder mit Nützlichkeit verbunden. Sprache wandelt sich von Offenbarung zu Anweisung, Symbole werden zu Zeichen und Geschichten zu Botschaften. Das ist doch, was wir heute erleben, oder?
In einer solchen Welt ist Fantasie gefährlich. Denn es wird beklagt, dass sie zu Mehrdeutigkeit, alternativen Perspektiven und nicht-instrumentellen Werten führt und somit Effizienz und Kontrolle bedroht. Folglich wird Fantasie zu einer Einbildung statt zu einer Einsicht, zu Subjektivität statt zu Wahrnehmung und zu Irrtum statt zu Offenbarung degradiert. Sie wird nur toleriert, wenn sie unterhält, vermarktet oder ablenkt, jedoch nicht, wenn sie die Struktur der Realität selbst infrage stellt.
Diese Degradierung ist nicht nur philosophischer, sondern auch politischer und psychologischer Natur. Eine flache Realität ist leichter zu verwalten. Wenn Sinngehalt nicht intrinsisch zur Welt gehört, kann sie von außen durch Politik, Ideologie oder Technik auferlegt werden. Erkenntnis durch Teilhabe weicht der Konformität. Die Menschen werden nicht mehr dazu aufgefordert, die Wahrheit selbst wahrzunehmen; stattdessen wird ihnen gesagt, was sie glauben sollen. Die Vorstellungskraft, die einst eine Brücke zwischen den Welten schlug, wird entweder zu einer privaten Schwäche oder zu einer kontrollierten Ressource.
Dies führt psychologisch zu einer Fragmentierung. Wird die Vorstellungskraft von der Wahrheit abgeschnitten, verschwindet sie nicht, sondern mutiert. Sie taucht wieder auf als Ideologie, Verschwörungstheorien, Sucht, Massenphantasien und ästhetischer Extremismus. All dies sind Formen der Teilhabe an einer Welt, die offiziell jede Tiefe leugnet.
Glaubt eine Kultur hingegen, dass die Realität vielschichtig ist, impliziert dies, dass die Existenz nicht auf das beschränkt ist, was unmittelbar sichtbar, messbar oder kontrollierbar ist. Die Welt wird als tiefgründig verstanden. Oberflächliche Phänomene weisen auf zugrunde liegende Prinzipien, Archetypen oder Bedeutungen hin, die nicht direkt, sondern nur indirekt erfasst werden können. In solchen Kulturen wird Wissen eher empfangen als extrahiert. Die Wahrheit begegnet einem als etwas, das sich allmählich, oft indirekt und immer in Bezug auf die Person, die sie erlebt, und Relation offenbart.
In diesem Zusammenhang ist Sinnfindung partizipativ. Menschen sind keine Zuschauer außerhalb der Realität, sondern Teilnehmer innerhalb derselben. Die Wahrnehmung selbst ist ein Ereignis, bei dem die Welt und das Bewusstsein aufeinandertreffen. Das Wesen einer Sache kann nicht von der Art und Weise getrennt werden, wie sie erlebt wird. Dies reduziert die Wahrheit nicht auf Subjektivität, sondern erkennt an, dass sie durch Beziehungen entsteht. Die Vorstellungskraft ist die Fähigkeit, die es ermöglicht, dass diese Beziehung Gestalt annimmt.
Da die Wahrheit als etwas verstanden wird, das offenbart wird und nicht nur gemessen werden kann, steht die Vorstellungskraft nicht im Widerspruch zur Vernunft, sondern ergänzt diese. Messungen sagen uns, wie viel, wie schnell und wie oft. Die Vorstellungskraft offenbart hingegen, was es bedeutet. Symbole, Mythen, Rituale und Bilder sind keine willkürlichen Konstrukte, sondern Gefäße, durch die sich tiefere Ebenen der Realität offenbaren. In solchen Kulturen gilt die Vorstellungskraft als göttlich, da sie zwischen den Ebenen des Seins vermittelt. Sie ist das Mittel, durch das das Unsichtbare wahrnehmbar wird, ohne reduziert zu werden.
Deshalb sakralisieren vielschichtige Kulturen die Vorstellungskraft konsequent.
- In mythischen Gesellschaften ist die Vorstellungskraft kosmologisch.
- In der mittelalterlichen und islamischen Mystik ist sie ontologisch.
- Im Denken der Renaissance ist sie kreative Teilhabe.
- In der Romantik ist sie das Echo der göttlichen Schöpfung im Menschen.
Der Vorstellungskraft wird vertraut, weil die Realität selbst als bedeutungsvoll angesehen wird.
Im Laufe der Geschichte haben Kulturen zwischen diesen beiden Orientierungen oszilliert. Wenn Bedeutung Kontrollsysteme überflutet, blüht die Vorstellungskraft auf. Wenn Kontrolle jedoch zur Priorität wird, wird die Vorstellungskraft unterdrückt. Eine Unterdrückung ist jedoch niemals endgültig. Flache Realitäten können das menschliche Leben nicht auf unbestimmte Zeit aufrechterhalten, da Menschen keine flachen Wesen sind. Wir brauchen Tiefe nicht als Verzierung, sondern als Orientierung.
Deshalb folgen auf Zeiten intensiver Rationalisierung Ausbrüche von Kunst, Mystik und symbolischem Denken. Die Vorstellungskraft kehrt zurück, nicht weil die Menschen irrational werden, sondern weil die Realität wieder als bedeutungsvoll wahrgenommen werden will.
In diesem Zusammenhang ist die Hoffnung auf eine neue Renaissance keine Ablehnung von Messbarkeit oder Vernunft. Es ist vielmehr die Wiederbekräftigung einer tieferen Erkenntnistheorie, in der der Vorstellungskraft wieder vertraut wird, die Wahrheit zu offenbaren, statt sie nur zu verwalten.
Überall dort, wo der Realität Tiefe zugestanden wird, wird die Vorstellungskraft gedeihen.