Lektionen, die das Leben lehrt

Ich war mit meiner Frau und einem Freund unterwegs und wir kamen ins Gespräch über unsere Geschwister. Wie üblich im fortschreitenden Alter, haben die meisten von uns die eine oder andere Beschwerde, die uns in den Ruhestand begleitet. Unser Freund hat zwei Brüder, die beide gesundheitliche Probleme haben, von denen einer stark depressiv ist und während der Covid-Krise ängstlich reagiert hat, und dessen Frau ebenfalls in Sorge ist, dass sie sich mit Covid infizieren könnten. Der andere Bruder ist weit weg und meldet sich nicht, aber wenn er sich meldet, fühlt sich unseren Freund indirekt für seinen christlichen Glauben kritisiert denn sein Bruder beklagt sich, dass das Leben für ihn und so viele andere ein Kampf ist. Dies veranlasste ihm, uns mitzuteilen, dass er wegen seinen Brüdern frustriert ist und fängt an sich zu fragen, dass, wenn sie nicht in Kontakt bleiben, warum er es tun sollte.

Das brachte mich zum Nachdenken. Ich freue mich, sagen zu können, dass meine Brüder und ich, obwohl wir noch weiter voneinander entfernt sind, den Kontakt aufrechterhalten haben – nicht so sehr während der Jahre, in denen wir berufstätig waren, aber umso mehr mit Freude, als wir uns trafen. Ich habe nichts von Frustration gehört, sondern eher von dem Gefühl, dass wir jetzt Zeit und Grund haben, in Kontakt zu bleiben, obwohl auch wir das eine oder andere gesundheitliches Problem haben, die unser normales Tempo unterbrochen haben, und uns verlangsamt und nachdenklicher gemacht. Wenn ich mit einem meiner Brüder spreche, werde ich daran erinnert, die Dinge aus dem Blickwinkel des anderen zu betrachten und zu bedenken, wie sich der andere fühlt. Das habe ich auch vor vielen Jahren gelernt, als ich in der Pflege anfing, aber damals schon musste ich feststellen, dass nicht jeder eine Antenne für diese Lektion hatte. Später, als ich zu unterrichten begann, sagte ich zu meinen Pflegekräften: „Stellen Sie sich vor, wie es ist, wenn man geschwächt ist, Hilfe bei den grundlegenden Dingen des Lebens braucht und jeden Morgen mit einem hochnäsigen jungen Menschen konfrontiert wird, der kein Einfühlungsvermögen hat.“ Ich denke, indem ich dabei eine Prise Humor einsetzte, dass sie alle die Botschaft verstanden haben.

Woran liegt es, dass eine Person für solche Lebenslektionen empfänglich ist und ein andere nicht? Ich denke, dass die Erziehung eine Rolle spielt und vielleicht auch die Gesellschaft, in der man lebt, aber da nicht jede Pflegekraft, die ich kannte, meine Botschaft verstehen konnte, lag es nicht an der Bildung. Bis zu einem gewissen Grad denke ich, dass es eine Frage ist, inwieweit wir die Möglichkeit hatten, aus unseren Fehlern zu lernen, ohne völlig zu scheitern, und ob wir die Fähigkeit besitzen, uns zu entwickeln, zu lernen zuzuhören und darüber nachzudenken, was man hört oder sieht. Ich habe in meiner Jugend viele Fehler gemacht, konnte aber ohne bleibende Wunden wieder aufstehen und weitermachen. Ich hatte viele Menschen, die mir geholfen haben, wieder auf die Beine zu kommen. Hinzu kommen die Lektionen, die man bekommt, in denen man sich um pflegebedürftige Menschen kümmert, vor allem, lernt man rücksichtsvoller zu sein. Ich hatte viele Lehrer, viele von ihnen Frauen, die längste Einfluss hat meine Frau, die mich immer noch unterrichtet. Männer waren seltener auf der Liste der Lehrer, aber es gab natürlich einige, aber die meisten von ihnen waren eher Beispiele für das, was ich nicht nachahmen wollte – aber sie waren perfekt als Spiegel für mich und zeigten mir, was ich sonst nicht in mir sehen konnte. Vor allem glaube ich, dass die meisten meiner Lehrerinnen und Lehrer im Leben, die etwas zu sagen hatten, irgendwann einmal verletzt worden sind, einige haben tiefe Enttäuschungen erlitten, andere wurden von Partnern genötigt oder haben brutales Mobbing erlebt.

Auf dem Basar traf ich zwei meiner ehemaligen Kollegen, Michael und Christine, die verheiratet sind und die ich seit mindestens zehn Jahren nicht mehr gesehen hatte. Christine nahm mich sofort in den Arm – typisch für sie, nämlich eine der Personen, die ich als Lehrerin betrachtete, auch wenn ich ihr Vorgesetzter war. Wir sprachen nicht lange miteinander, denn die zeitliche Distanz stand zwischen uns, aber die spontane Verbindung erinnerte mich daran, wie wir damals beide leidend waren und unser Chef ein Choleriker war, der es zwar gut meinte, aber dazu neigte, das Leben schwer zu machen. Aber, ich habe mich gefragt, ob vielleicht das der Wert des Leidens ist: Bei allem Schmerz, den es verursacht, den Narben, die es hinterlässt, den schlaflosen Nächten, den Tränen, lehrt es uns, in unser Gegenüber hineinzuschauen und mit ihm zu fühlen. Vielleicht ist diese Lektion, die wir durch solche Erfahrungen lernen, so wertvoll, dass es sich lohnt, sie durchzustehen. Einige der älteren Menschen, die wir betreuten, haben dies angedeutet, so paradox wie wir ihre Worte auch fanden. Ich zögere noch immer bei dieser Vermutung, aber die Beweise scheinen da zu sein.

Natürlich gibt es die andere Seite. Wir müssen wir uns selbst schützen, und wir können den Schmerz nicht zu lange ertragen, ohne Gefahr zu laufen, verbittert zu werden, was oft auch die Lehre ist, die manche Menschen aus dem Leiden ziehen. Es ist auch sehr schwierig, wenn wir missbraucht worden sind, wieder zu vertrauen und empathisch zu sein. Der Sturz und der Niederlage, den wir manchmal mit tiefer Enttäuschung hinnehmen, obwohl wir vor Begeisterung engagiert waren, ist ein Loch, aus dem man nur schwer wieder herauskrabbeln kann. Oft brauchen wir jemanden als Rettungsanker, an dem wir uns festhalten können, um uns wieder herauszuziehen. Wir brauchen einen Zufluchtsort, an dem wir uns erholen und neue Kraft und Entschlossenheit zum Weitermachen schöpfen können. Ich glaube, wir brauchen vor allem das Gefühl, dass das Leben einen Sinn hat, den das Leid nicht zerstören kann, eine Bedeutung, die über das hinausgeht, was wir erleben. Das ist etwas, das oft als irrational, ja absurd angesehen wird, trotz des Leids um uns herum, dass mir noch absurder erscheint, wenn es keinen Sinn hat. Unser Leben ist alles in allem sehr paradox, und man muss kein Philosoph sein, um das zu erkennen. Manchmal genügt es, einem Gespräch im Auto zuzuhören – ein Zufall oder eine Gelegenheit, an den Punkt zurückzukehren, an dem Nachdenken über den Sinn wiederkehrt, nachdem er aus den Augen verloren wurde?

Ich glaube, dass wir viele Gelegenheiten haben, wenn wir sie nur wahrnehmen würden. Es muss klar sein, dass Individualismus oder Egozentrik nicht der Weg nach vorn sein kann, sondern das ist ein Weg zu Unverbundenheit und Inkonsequenz, die nur noch mehr Leid verursachen. Achtsam zu sein, nachdenklich und sich des Paradoxons bewusst zu sein, dass unser Gegenüber genauso durchmacht wie wir, könnte es wert sein, es sich zur Gewohnheit zu machen, und anstelle von Frustration könnte aus dem, was wir sehen, Mitgefühl entstehen, ja sogar eine Verbundenheit mit unserem Leidensgenossen. Es gibt einen Begriff, den ich schon einmal gehört habe und der vielleicht ein wenig veraltet ist, aber könnte „Nächstenliebe“ hier nicht von Bedeutung sein?

Ich habe von einem weisen Mann gehört, dass Nächstenliebe oder Liebe im Allgemeinen darin besteht, sich bewusst zu machen, dass man eins mit dem anderen ist und aus demselben zarten Gewebe gestrickt ist. Wir neigen sehr oft dazu, andere wegzustoßen oder sie zu benutzen, aber selten zeigen wir, wie verbunden wir sind. Dann macht es Sinn, selbst die Feinde in unsere Gedanken einzubeziehen, denn trotz aller äußerlichen Unterschiede sind wir tief im Inneren eins. Der weise Mann, von dem ich rede, Rupert Spira, sagte: Es wäre eine Entdeckung, die mit der Erkenntnis vergleichbar wäre, dass die Erde nicht der Mittelpunkt des Universums ist, wenn die Menschheit lernen könnte, wie verbunden wir tatsächlich sind.

Rollenspiel

Es gibt ein blasses Schwarz-Weiß-Foto von mir als Vierjährigem, der in den 1950er Jahren als Cowboy verkleidet allein im Garten spielt. Damals hatten wir viele Stereotypen als Vorbilder, und wir hatten noch keinen Fernseher, dafür aber ein Samstagmorgenkino, in dem wir The Lone Ranger und Batman in Filmen zum Teil aus den 1930er Jahren sahen. Damals kostete der Eintritt in England „thruppence“[i], drei Pennies, und wir hielten die kleine zwölfeckige Münze in der verschwitzten Hand, bis wir unsere Eintrittskarte erhielten. Ich erinnere mich, dass ich einmal die Münze verloren hatte, und am Boden zerstört nach Hause kam. Ich liebte es, mich zu verkleiden, und es gab nicht die Sorge um die „kulturelle Aneignung“, die heute wegen Winnetou ins Gespräch gebracht wurde.

Für uns als Kinder ist es ganz normal, zu spielen, uns zu verkleiden und so zu tun, als wären wir andere Menschen, aber wir neigen dazu, die Tatsache zu verdrängen, dass wir dies auch als Erwachsene weiterhin tun, wenn auch auf mehr oder weniger diskrete Art und Weise. Die heutigen „Influencer“ sind für viele junge Menschen wichtig, aber auch ältere Menschen haben ihre Vorbilder, die sie unbewusst nachahmen, seien es Figuren aus Film und Fernsehen oder andere prominente Persönlichkeiten. Von Vorbildern, die uns am meisten beeindruckt haben, entwickeln wir einen Kleidungs- und Verhaltensstil, von dem wir annehmen, dass er unser eigener ist, aber bei näherem Nachdenken wird klar, dass wir nur einen Stil imitiert haben.

Viele Dinge hinterlassen in der Kindheit einen Eindruck, der sich später im Leben auswirkt, und unangenehme Erinnerungen werden verdrängt, obwohl der Einfluss vorhanden ist. Vorlieben und Abneigungen sind oft unbewusste Entscheidungen, die auf vergangenen Erfahrungen beruhen, an die wir uns erst erinnern, wenn wir sie suchen, aber manchmal sind unsere Entscheidungen Störungen, die auf Befürchtungen und Ängsten beruhen und zu Phobien führen können. Meine Frau erinnert sich an die Geburt ihres Bruders, die zu Hause stattfand, woraufhin sie sich im Alter von 13 Jahren schwor, niemals Kinder zu bekommen. Dieses Erlebnis führte dazu, dass sie die ganze Prozedur verabscheute, und erst als wir schon einige Jahre verheiratet waren, kam der Wunsch auf, Kinder zu bekommen. Ich hatte als Kind ein unangenehmes Erlebnis in der Nacht auf einem Pfadfinderausflug, das mich sehr misstrauisch gegenüber Männern machte, auch gegenüber meinem Vater, vor allem, nachdem ich ihn betrunken erlebt hatte – obwohl es selten, wenn überhaupt, wieder vorkam. Ich entwickelte ein Verhalten, bei dem ich unbewusst die Dinge ablehnte, die ich mit Männern verband, und stattdessen die Gesellschaft von Mädchen suchte.

Wir sind oft in der Lage, solche Erfahrungen zu überwinden, auch wenn es manchmal Zeit braucht, und so vergessen wir sie, verdrängen sie aus unserer Erinnerung und berücksichtigen sie nicht, wenn wir das Verhalten anderer beobachten. Als Einzelgänger und Beobachter habe ich viel nachgedacht und solche Erfahrungen nicht so schnell vergessen. Meine Vermutung, dass es sich bei den Auswirkungen unserer Erinnerungen um etwas Alltägliches handelt, wurde von vielen meiner Freunde und Bekannten bestritten, nur um später gelegentlich durch unglückliche Umstände bestätigt zu werden. Mir wurde einmal gesagt, es sei unhöflich, so etwas auch nur anzudeuten, aber der Verdacht blieb, dass ich Recht hatte. Während meiner Ausbildung zum Altenpfleger weckten Kurse in Psychologie und Gerontopsychiatrie in mir die Überzeugung, dass ich mit meiner Erfahrung nicht allein bin, aber sie eröffneten mir auch das Verständnis dafür, warum Menschen sie ablehnen.

Deshalb habe ich den Eindruck, wenn ich die aktuelle Diskussion über das Gender-Durcheinander im englischsprachigen Raum verfolge und von den Gefühlen höre, von denen junge Menschen sagen, dass sie sie haben, dass die oben genannten Einflüsse auf junge Menschen einwirken, die Ängste und ein tiefes Gefühl des Unbehagens und der Unzufriedenheit hervorrufen, das zwanghaft werden kann. Die Verwendung des Begriffs Gender Dysphorie lässt zu oft außer Acht, dass das vorhergesagte, was Unbehagen hervorrufen kann, die mit der Zeit überwunden werden kann, insbesondere wenn es vor der Pubertät auftritt. Die Pubertät ist für viele Menschen ohnehin eine verwirrende Zeit, und wenn man bedenkt, welchen Einflüssen früher abgeschirmte Jugendliche heute ausgesetzt sind, darunter auch der Pornografie, kann der Eintritt ins Erwachsenenalter sehr beängstigend sein, insbesondere für junge Mädchen.

Die größte Sorge ist jedoch, dass es eine Industrie gibt, die diese Situation ausnutzen will, indem sie die „Affirmation“ (Bestätigung) als Mittel einsetzt, um Menschen mit den genannten Symptomen, die vor allem bei jungen Menschen mit nonkonformem Verhalten oder Beeinträchtigungen der sozialen Interaktion vorzuherrschen scheinen, zusammenzutreiben und sie einer Behandlung mit systemischen Medikamenten und invasiven Eingriffen mit unklarem Ausgang zuzuführen. Ich habe von mehreren Menschen gehört, die in ihrer Jugend nonkonform waren oder Probleme mit der sozialen Interaktion hatten, zu denen ich mich auch zähle, die alle erwachsen geworden sind und ein normales Leben führen, ohne eine solche invasive Behandlung ausgesetzt zu sein, und die mit mir die Sorge teilen, dass diejenigen, die sich einer solchen Behandlung unterziehen, für ihr Leben geschädigt werden könnten. Die treibende Kraft der Industrie scheint wie immer die Aussicht auf Geld zu sein, während sie sich als Helfer von Menschen in Not darstellen.

In den sozialen Medien haben inzwischen eine ganze Reihe von Menschen, vor allem Männer, deren Liebe zum Verkleiden durch eine sexuelle Komponente verstärkt wird, versucht, sich den beschreibenden Begriff „Frau“ für ihr eigenes bevorzugtes Erscheinungsbild anzueignen, wobei sie zuweilen eine ernsthafte Entfremdung von der Realität an den Tag legen, indem sie von dem Wunsch ein Kind zu gebären oder die Wechseljahren durchleben sprechen, obwohl sie eine männliche Physiologie haben. Diese Männer, die früher als Transvestiten bezeichnet wurden, d. h. als Menschen, die Kleidung tragen, die in erster Linie mit dem anderen Geschlecht assoziiert wird, wollen uns glauben machen, dass sie ein inhärentes „Gefühl“ haben, eine Frau zu sein, dass sie für diese Bezeichnung qualifiziert. Es ist sogar behauptet worden, dass diese Männer, wie bei der Seelenwanderung, in einem früheren Leben Frauen waren. Leider ist für diese Männer die einfachste Lösung oft die beste, nämlich dass sie sich zwanghaft verstellen.

Das heißt aber nicht, dass wir nicht ein ernstes Problem haben. Ich denke, es ist offensichtlich, dass wir es hier mit einer sozialen Kontagion zu tun haben, ähnlich wie bei anderen Formen der Massenhysterie, z. B. der Junikäfer-Epidemie, den Tanzmanien im Mittelalter, dem Tarantismus, den „Epidemien“ von Selbstbeschneidung, Essstörungen und Selbstmorden[ii]. Es gibt auch Menschen, die unter Dysphorie leiden, was zu Depressionen und Selbstmordgedanken führt, und andere, die völlig wahnhaften Vorstellungen von sich selbst haben. Angesichts der allgemeinen Hysterie, die beispielsweise die Wahlen in den USA ausgelöst haben, oder der Sorge um den Klimawandel, der Sorge um einen dritten Weltkrieg und der Ausbreitung psychischer Erkrankungen, die auf Lebensstil und Armut zurückzuführen sind, müssen wir uns ernsthafte Fragen zu den Prioritäten unserer Gesellschaft stellen. Gleichzeitig verteidigen wir den Liberalismus und Individualismus, weil wir der Meinung sind, dass sich damit Probleme leichter lösen lassen. Die Frage ist, ob die Probleme, die wir lösen, größer sind als die, die wir schaffen.

Das Gute an Kindern, die spielen und sich verkleiden, ist, dass sie unter anderem versuchen, zu verstehen, was es heißt, erwachsen zu sein. Wenn wir älter werden, entdecken unsere Nachahmungsspiele andere Aspekte, die unsere Kinderspiele nicht aufgedeckt hatten, darunter die Vor- und Nachteile bestimmter Verhaltensweisen. Wann haben wir aufgehört, die Dinge auf diese Weise zu durchdenken, bevor wir Maßnahmen ergreifen, die wir vorher nicht ausprobiert haben? Wann haben wir angefangen, es einfach zu tun, ohne die Kosten zu bedenken? Wir haben eine große Zahl von Menschen, die auf der Strecke bleiben, die nicht mithalten können, die verloren, desorientiert, verzweifelt und hilflos sind. Es gibt keine Kinderspiele, die uns darauf vorbereiten, und es ist die Aufgabe eines Erwachsenen, diese Aufgabe in die Hand zu nehmen. Wann werden wir erwachsen?


[i] Das britische Threepence-Stück, meist einfach als Threepence, Thruppence oder Thruppenny Bit bezeichnet, war eine Stückelung der Sterling-Münzen im Wert von 1⁄80 eines Pfunds oder 1⁄4 eines Shillings.

[ii] https://www.psychologytoday.com/intl/blog/cutting-edge-leadership/202209/social-contagion-how-others-secretly-control-your-behavior

Die Welt wird durch Gehirnamputierte regiert

Nun, vielleicht klingt das übertrieben, und es handelt sich nicht wirklich um Amputierte, aber es gibt Anlass zur Sorge. Wer mit Hirnerkrankungen wie Apoplexie oder Schlaganfall vertraut ist, kennt auch das Phänomen des so genannten Neglects. Bei den meisten Neglect-Patienten ist die rechte Gehirnhälfte betroffen und die linke Seite hat eine eingeschränkte Wahrnehmung. Das Wort Neglect kommt vom lateinischen neglegere, was so viel bedeutet wie nicht wissen, missachten oder vernachlässigen, und in diesem Zustand kann sich die Missachtung auf Reize aller Sinne beziehen, insbesondere auf Reize auf der linken Seite des Raumes, und es ist üblich, dass sie ihre linke Körperseite als fremd empfinden. Der Arm gehört nicht zu ihnen, ist manchmal zu hören, und die Betroffenen sind sich ihrer Defizite meist nicht bewusst und nehmen ihr Verhalten zunächst als normal wahr.

Laut Iain McGilchrist, Psychiater, Schriftsteller und ehemaliger Oxford-Literaturwissenschaftler, kann der Mensch auch durch die gewohnheitsmäßige Aufgabe der rechtshemisphärischen Gehirnfunktionen eine Missachtung oder Vernachlässigung des größeren Zusammenhangs der Welt und sogar der unmittelbaren Umgebung entwickeln. Er erklärt, dass die gesunden Prozesse, die an unserer Wahrnehmung der Welt beteiligt sind, beide Gehirnhälften einbeziehen, und grob gesagt sorgt die rechte Hemisphäre für aufmerksames Schauen, ohne jedoch die Dinge im Detail wahrzunehmen. Bei der Beobachtung eines unbekannten Phänomens wird jedoch die linke Hemisphäre eingesetzt, um es zu identifizieren und ihm gegebenenfalls einen Namen zu geben. Diese Informationen gehen zurück in die rechte Hemisphäre, vervollständigen das Bild und stellen es in den allgemeinen Kontext.[i]

Bei dem Patienten mit Neglect ist der allgemeine Kontext verloren, nämlich das Zusammenspiel der linken und rechten Körperhälfte, und er sieht sogar nur die Hälfte dessen, was vor ihm liegt, so dass nur die rechte Hälfte eines Tellers geleert wird, ohne dass es dem Betroffenen komisch vorkommt. Wer gewohnheitsmäßig nur mit Details befasst, ohne sie in dem gesamten Zusammenhang zu sehen, kann im geistigen Sinn etwas ähnliches erreichen. Es ist bereits bekannt, dass der Menschen mit seinen Gewohnheiten die Plastizität seines Gehirns verändern kann, so dass es sichtbar wird. Neuroplastizität, auch bekannt als neuronale Plastizität oder Gehirnplastizität, ist ein Prozess, der adaptive strukturelle und funktionelle Veränderungen des Gehirns beinhaltet. Eine gute Definition ist „die Fähigkeit des Nervensystems, seine Aktivität als Reaktion auf intrinsische oder extrinsische Stimuli zu verändern, indem es seine Struktur, Funktionen oder Verbindungen umgestaltet“[ii]. So auch können Funktionen abgewöhnt werden, bis es dem Betroffenen nicht einmal auffällt.

McGilchrist behauptet, dass dies im Laufe der Geschichte immer wieder vorgekommen sei, vor allem dann, wenn Kulturen besonders engstirnig und kleinkariert geworden seien, oft gekennzeichnet durch den Verlust von Kreativität, die Vernachlässigung von Poesie und Kunst oder sogar die Verweigerung von Kunst und, seltsamerweise, die Erstellung von Listen und den Ausschluss von Andersdenkenden. Zeigt sich dagegen eine geisteswissenschaftliche Aufgeschlossenheit und wird die Vielschichtigkeit des Daseins dargestellt, kann man eher davon ausgehen, dass dahinter eine gesunde Gehirnfunktion steht, die beide Gehirnhälften mit einbezieht, die alles in einen großen Zusammenhang stellt.

Wenn man in die Welt hinausschaut, muss man feststellen, dass wir eher ein vernachlässigendes Verhalten sehen, insbesondere durch die gegenseitige Ablehnung Andersdenkender, oder die soziale Ausgrenzung von Personen oder Organisationen aufgrund von angeblich beleidigenden, diskriminierenden, rassistischen, antisemitischen, verschwörungsideologischen, kriegerischen, antisemitischer, verschwörungsideologischer, kriegerischer, frauenfeindlicher, homophober Äußerungen bzw. Handlungen, sowie die Beschränkung auf vermeintlich „rationale“ Argumente, die zwar sachlich rational, aber nicht vernünftig sind, weil sie den Gesamtzusammenhang außer Acht lassen. Wir erleben eine Entweder-Oder-Mentalität, auch in der Politik, die wenig auf Details achtet, sondern auf Schlagworte, die meist von den sozialen Medien getragen werden. In der englischsprachigen Welt geht es intensiv zu, aber im deutschsprachigen Raum haben wir die Angewohnheit, Entwicklungen aus der anglophonen Welt zu übernehmen.

Es wäre ungewöhnlich, wenn niemand davon profitieren würde, und im Moment ist der Ruf nach autoritären Antworten ziemlich weit verbreitet. Die durch den Konflikt in der Ukraine ausgelösten Spannungen tragen dazu bei, dass alle etwas gereizt sind und der Geduldsfaden schnell reißt. Die Einschränkungen, der Verzicht und vor allem die Angst vor einem Krieg verstärken diese Entwicklung, die Menschen protestieren wieder, die Emotionen kochen hoch. Das ist eine normale Reaktion, aber dahinter stehen jene Gruppen, die einen grundlegenden Wandel herbeiführen wollen, und die gibt es auf beiden Seiten des politischen Spektrums. Auf der einen Seite gibt es diejenigen, die die Konventionen abschaffen wollen, auf der anderen Seite diejenigen, die die Konventionen verschärfen wollen. Auf der eine Seite will man eine radikal inklusive Haltung, das Niederschlagen sozialer Grenzen, und auf den anderen Seiten will man vermeintliche Schutzräume ausbauen, und exklusive Zutritt lassen, wer als vertrauenswürdig geachtet wird.

Es ist diese irrationale Ausschließlichkeit, dass McGilchrist als vergleichbar mit Neglect ansieht, die Unfähigkeit, die Anliegen der anderen Seite zu sehen, geschweige denn zu verstehen. In der Neurologie wird der Patient immer wieder sein Arm aufgedruckt, der Teller gedreht, damit die andere Seite wahrgenommen wird, aber es ist einen pathologischen Zustand – das heißt es wird nicht besser. Die Neuroplastizität dagegen gibt uns bei dem „gesellschaftlichen Neglect“ die Hoffnung, dass es durch die Veränderung der Gewohnheiten doch verändert werden kann, Voraussetzung wird aber sein, dass wir Persönlichkeiten haben, die der anderen Seite, die wir vernachlässigen, immer wieder vorhalten, und nicht solche, die das Ganze noch verstärkt.

Meine Befürchtung zurzeit ist, dass wir immer wieder die „Gehirnamputierten,“ die der Situation verschlimmern, das Sagen. Vielleicht liegt es daran, dass unsere Wahrnehmung verschleiert ist, so dass wir es nicht bemerken können, aber wir müssen lernen beide Hälften des Gehirns wieder im Betrieb zu nehmen. Nur so kommen wir wieder im Gleichgewicht, merken das es mindesten zwei Seiten zu einer Geschichte gibt, und wer schreit hat Unrecht. Manchmal gibt es keine andere Möglichkeit als beide Sichtweisen zu akzeptieren und beide Raum geben, und die Diversität der Menschen als Chance zu begreifen. Alles uniform zu gestalten, gleich zu sehen oder gar zu schalten, rufen vergangene Tagen in Erinnerung, die wir nicht vergessen sollten, aber diese Ereignisse geschahen nicht nur in Nazi Deutschland, sondern auch in der Sowjetunion und Kommunist China – überall, wo strenge Vorgaben durch autoritäre Führer gemacht wurden, und der Vielfalt nicht erlaubt wurde.

Das dürfte die beste Beispiel für das sein, was wir nicht wollen.


[i] McGilchrist, Iain. The Matter With Things: Our Brains, Our Delusions and the Unmaking of the World (S.111). Perspectiva Press. Kindle-Version.

[ii] https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/32491743/

Eine Grundsätzliche Frage

Wir erleben viele Menschen heutzutage, die nicht mehr sich ausrechnen können, welche Konsequenzen bestimmtes Verhalten haben werden. Ich habe vor einige Wochen darübergeschrieben, dass der Begriff Freiheit heute anders verstanden wird als vor einige hundert Jahren, und dass die Garantien, die der Gesellschaft bietet, an Verpflichtungen gebunden sind. Es ist nicht anders, als wenn der Sohn die Schule verlässt und meint, dass er jetzt eine Pause haben muss von der Hetze des Schulalltags. Wir haben unser Sohn damals vorgehalten, dass er erwartet, dass seine Eltern für ihn arbeitet und er auf der faulen Haut legen kann, was ihn offensichtlich bis dahin nicht bewusst war. Er brauchte eine kurze Zeit, aber nach einer Weile, erkannte er seinen Fehler. Viele Menschen in unserer heutigen Zeit haben es noch nicht erfasst.

Jede Gruppe braucht das Verständnis, dass man zusammenhält, indem man zusammensteht, um die Herausforderungen der Zeit standzuhalten. Natürlich haben wir schutzbedürftige Menschen, die solche Verpflichtungen nicht nachkommen können, aber jeder soll das machen, was er kann. Es ist vor allem in Krisenzeiten von Bedeutung, dass die Werte einer Gesellschaft für alle klar sind, und jede Untergrabung diese Werte, ob von außen oder von innen, Einhalt geboten wird. Es ist anscheinend eine kniffelige Frage, wenn die Freiheit es selbst ist, die bedroht wird. Freiheiten, welche sowohl für Erwachsene als auch für Kinder als anerkannt gelten, sind allgemein bekannt als fundamentale Rechte, also Rechte, zu deren Genuss die Bevölkerung uneingeschränkt und ohne staatliche Einmischung berechtigt ist. Allerdings, die Notwendigkeit, die öffentliche Ordnung, die nationale Sicherheit, die moralischen Werte und die Achtung der Rechte unserer Mitmenschen aufrechtzuerhalten, führt zwangsläufig zu einer gewissen Einschränkung der ordnungsgemäßen Ausübung dieser Rechte.

Diese Beschränkungen werden in der Welt unterschiedlich angewandt, wobei sie in Ländern, in denen eine kollektivistische Philosophie zu Hause ist, strenger umgesetzt werden. Diese Philosophie wird als ein System von Werten und Normen verstanden, in dem das Wohl des Kollektivs höchste Priorität hat und die Interessen des Einzelnen denen der im Kollektiv organisierten sozialen Gruppe untergeordnet werden. Diese Sichtweise geht mit einer Ablehnung der Ideen des Liberalismus einher und zeigt sich aktuell im Konflikt mit Russland um die ehemaligen Staaten der Sowjetunion, die heute Teil der EU sind, sowie der Ukraine, die dies anstrebt, und mit China um Länder wie Taiwan und die ehemalige Sonderverwaltungszone Hongkong, die heute Teil der Volksrepublik China ist. Zurzeit ist der bewaffnete Konflikt in der Ukraine von viele im Westen als eine Bedrohung der westliche Liberalismus, was vor Kurzem in Russland als „satanisch“ bezeichnet wurde.

Es steht außer Frage, dass es im Westen einiges gibt, dass man kritisch sehen kann. Ich selbst habe die Vorherrschaft der Wirtschaftsmacht als „Maschine“ bezeichnet, die sowohl die Umwelt als auch die Gesundheit der Menschen bedroht. Der Klimawandel ist nur eine von vielen Folgen, die dabei eine Rolle spielen, wenn es um die Zukunft geht. Eine Grundordnung darf aber nicht aufgegeben werden, wie manche Aktivisten fordern, denn der Sturz in die Anarchie oder den Faschismus würde letztlich zu Chaos und keiner Verbesserung führen, denn die Wirtschaft sorgt auch für unsere physiologischen Bedürfnisse, und unsere Freiheit bedeutet auch die Freisetzung von Ideen zur Lösung von Problemen. Deshalb ist eine grundsätzliche Klärung der Werte im Westen notwendig, und die schädlichen Entwicklungen, die so viel Unruhe verursachen, müssen beruhigt werden.

Die Gesellschaften im Westen wurden auf religiöse und humanistische Werte aufgebaut, die auch im Laufe der Jahrhunderte sowohl ihre gute als auch schlechte Seiten gezeigt haben. Oft wurden diese Werte verraten, teilweise durch diejenigen, die sie aufgestellt haben. Nicht wenige „Revolutionen“ sind zum Nachteil ihrer Anhänger geworden, und das Zitat „Die Revolution frisst ihre eigenen Kinder“ umschreibt eine solche Entwicklung, und ist dem französischen Revolutionär Pierre Vergniaud zugeordnet, der es bei seiner eigenen Hinrichtung am 31. Oktober 1793 gesagt haben soll. Alexander Solschenizyn beschrieb eindringlich, wie treue Kommunisten sich plötzlich als Konterrevolutionäre im Gulag befanden, weil sie Kritik geäußert haben, oder in dem Verdacht stand. Aber vor allem die Opfer der Kirche müssen bedacht werden, die bis heute immer noch aufgeklärt werden, und zu einer massenhaften Desillusionierung geführt hat, von der alle Kirchen betroffen wurden – vor allem in Europa. Es sind solche Entwicklungen, die dem Westen eine fehlende Geschlossenheit beschert, trotz aller Beteuerung der Politik.

Großbritannien und die USA, die bisherigen Bastionen der westlichen Freiheit, sind tief gespalten, und in vielen europäischen Ländern ist der Ruf nach Frieden, koste es, was es wolle, keine Seltenheit mehr. Die Proteste nehmen zu und Schwarz-Weiß-Denken macht sich breit – entweder „für oder gegen“, ohne differenziertes Denken. „Das Hemd ist mir näher als der Rock“ ist ein altes Sprichwort, das bedeutet, dass die eigenen Interessen wichtiger sind als die des anderen. Die Frage ist, ob es die Werte der Gesellschaft sind, die ich schützen will, oder meine Gewohnheiten – und ob diese Gewohnheiten dadurch geschützt sind, wenn ich mein Wille durchsetze. In Gesprächen mit anderen haben wir uns oft gefragt, ob manche Menschen überhaupt zu logischem Denken fähig sind, und vor allem, ob sie sich darüber im Klaren sind, wozu sie tun, was sie tun.

Deshalb denke ich, dass es eine grundlegende Frage ist: Welche Werte will ich schützen? Wofür lohnt es sich, zu arbeiten, sich gegen Bedrängung zu wehren und notfalls zu kämpfen? Es geht auch um die Frage, ob die Verantwortlichen in unserer Gesellschaft andere Werte als den Profit als schützenswert ansehen, denn es ist schon erwiesen, dass Profit nicht als höchstes Gut dient, und stattdessen Freiheit, Menschlichkeit oder Menschenrechte, aber auch abstrakt-individuelle Werte, wie zum Beispiel Gesundheit, Trinkwasser, Lebensqualität, Umwelt, Sicherheit, in der öffentliche Wertschätzung als „höchstes Gut“ gesehen bzw. bezeichnet werden. Es ist also von höchstem Priorität zu prüfen, wo sie gefährdet sind, und aktiv für ihre Erhaltung zu arbeiten.

Das Problem mit den Männern

Wenn man sich als Mann diesem Thema nähert, muss man eine Menge Selbstkritik in Betracht ziehen, aber auch die Beobachtungen aus sechs Jahrzehnten Erfahrung, in denen mein Mannsein von weiblichen Kollegen ebenso gefordert wurde, wie es in verschiedenen Situationen ein Hindernis war. Da ich ein sehr abwechslungsreiches Berufsleben hatte, vom Soldaten bis zum Altenpfleger, habe ich das Mannsein in vielerlei Hinsicht erlebt und gesehen, wie vielfältig die Eigenschaften eines Mannes sein können, was die Verallgemeinerung der Probleme von Männern in Frage stellt. Männer teilen jedoch die Probleme anderer Männer, einfach dadurch, dass sie das Gegengeschlecht zu Frauen sind, deren Wahrnehmung von Männern durch ihre Erfahrungen geprägt ist.

Natürlich wurde in unserem derzeitigen Trend der extremen Inklusivität viel darüber diskutiert, was ein Mann oder eine Frau sein könnte, ohne zu einem Ergebnis zu kommen, das Menschen in öffentlichen Ämtern offen erklären können, ohne von der einen oder anderen Seite kritisiert zu werden. Die Tatsache, dass ein Politiker es vermeidet, die Frage „Was ist eine Frau?“ zu beantworten, ist bezeichnend für die Verwirrung, in der sich unsere Gesellschaft befindet. Auf der einen Seite gibt es Menschen, die davon ausgehen, dass das Geschlecht ein Gefühl ist, das man in einem frühen Stadium des Lebens „kennen“ kann, auf der anderen Seite ist es schwer zu definieren – Meinungen, die sich widersprechen. Ich bin mutig genug zu sagen, dass ich in meinem Alter weiß, was ein Mann oder eine Frau ist, und dass sie speziell durch ihre natürliche Physiologie erkannt werden. Von diesem Gesichtspunkt aus werde ich fortfahren.

Es gab keinen Zweifel darüber, was ein Mann oder eine Frau ist, zumindest in der Zeit, in der wir Geschichte haben. Die Erwartungen an jedes Geschlecht wurden von der Natur diktiert, insbesondere bei der Fortpflanzung zum Fortbestand der Spezies. Die Frage, ob Männer und Frauen mit diesem Arrangement glücklich waren, war lange Zeit irrelevant. Zunächst war die Vorbereitung der Kinder auf ihre Rolle im Leben eine Überlebensnotwendigkeit, und selbst in jüngerer Zeit, als die Zivilisation die Zahl der von der Natur gestellten Herausforderungen reduzierte, blieben die grundlegenden Rollen von Männern und Frauen dieselben. Die Gelegenheit, den Status quo zu ändern, kam sehr spät, bei der die Frauen als menschliche Wesen, die nicht vollständig von ihren Körperfunktionen diktiert wurden, anerkannt wurden und als die Vorreiter dieser Entwicklung ermöglichten entweder durch Enthaltsamkeit oder später durch Eingriffe. Gleichzeitig brachen viele Männer aus den Konventionen aus, in denen sie sich eingeengt fühlten, und führten ein Leben, das sich den Blicken der Mitmenschen entzog. Trotz der wachsenden Vielfalt gab es keinen Zweifel daran, was ein Mann oder eine Frau war.

Die Probleme mit Männern müssen also eine Perspektive haben, aus der sie wahrgenommen werden, und es ist ganz natürlich, dass die Probleme aus der Perspektive der Frauen am offensichtlichsten sind. Männern wird eine „toxische“ Männlichkeit vorgeworfen, die sich in einem gereizte Verhalten gegenüber Frauen äußert, die sich nur als Sexobjekte oder potenzielle Partner für die Fortpflanzung wahrgenommen fühlen. Als ich aufwuchs, befanden wir uns in der Phase der Emanzipation durch die Antibabypille, aber auch durch die Verbreitung von Pornografie, und wir lebten in einer so genannten „permissiven Gesellschaft“, was tatsächlich bedeutete, dass Sex ein Thema wurde, über das offen gesprochen wurde. Mit solchen Diskussionen wurden Erwartungen an die Geschlechter gestellt, wie attraktiv sie sein sollten, oder, im Falle von Männern, wie sie „funktionieren“ sollten. Selbst im letzten Schuljahr gab es Mitschüler, die sexuell aktiv waren – manchmal sogar im Klassenzimmer. Die damaligen gegenseitigen Erwartungen setzten sowohl Männer als auch Frauen unter Druck, sich anzupassen, und ich erinnere mich, dass diejenigen, die sich nicht anpassten, bis zu einem gewissen Grad zu Ausgestoßenen wurden. Es gab auch zahlreiche „Opfer“ der Freizügigkeit, meist junge Frauen, die ungewollt schwanger wurden, sowie Männer und Frauen, die sich sexuell bedingte Krankheiten zuzogen.

Ich glaube, dass diese Phase in vielen Ländern noch nicht überwunden ist und obwohl der Konformitätsdruck gelockert wurde, so dass Homosexualität möglich ist, die Erwartungen sind nach wie vor vorhanden und es wird berichtet, dass sogar Schulkinder haben zu Pornografie Zugang. Da von Männern erwartet wird, dass sie die aktiven Partner in sexuellen Beziehungen sind und ihre „Leistung“ von Frauen beurteilt wird, die erwarten, dass ihre eigenen Wünsche befriedigt werden, ist der Druck auf Männer größer, was zu sexuellen Problemen wie erektiler Dysfunktion (Impotenz oder ED), vorzeitigem Samenerguss und Libidoverlust führt. Die Definition einer befriedigenden sexuellen Beziehung hängt davon ab, was jede Person für sich selbst als befriedigend empfindet, und wenn Partnerschaften nur auf gegenseitigen Erwartungen beruhen, kann der eine oder andere unzufrieden werden. Es gibt auch eine große Zahl von Männern und Frauen, die keine sexuelle Beziehung haben, was sich negativ auf ihr Sozialverhalten auswirken kann.

Ich denke, dass hier viele Probleme mit Männern entstehen, weil Männer in Beziehungen im Allgemeinen weniger umgänglich sind und dazu neigen können, Frauen in eine eher unterwürfige Rolle zu zwingen. Dies kann sich noch verstärken, wenn ein Mann nicht das bekommt, was ihm seiner Meinung nach zusteht, oder wenn der Druck, die erwarteten Leistungen zu erbringen (nicht nur sexuell, sondern auch beruflich), zu groß wird, was zu Alkoholismus oder Drogenkonsum führen kann. Dies wird noch komplizierter, wenn der Mann aus einer Familie kommt, wo Missbrauch betrieben wurde, wenn er den Wunsch entwickelt, die Familie zu kontrollieren, oder wenn es zu finanziellen Schwierigkeiten kommt und häusliche Gewalt die Oberhand gewinnt. Ein körperlich starker Mann kann eine durchschnittliche Frau leicht dominieren, was die Frauen zum traditionellen Opfer und zu denjenigen macht, die geschützt und einen sicheren Raum brauchen.

Männer unterschätzen oft die Angst, die Frauen haben, wenn Männer aggressiv werden, selbst wenn sich ihre Aggression nicht gegen Frauen richtet, und das schließt alle Demonstrationen von Stärke und Dominanz ein. Das hat viel damit zu tun, dass Frauen lange darunter gelitten haben, untergeordnet zu sein, und dazu neigen, immer wieder in diese Rolle zu fallen, obwohl sie die Fähigkeit haben, die Dinge angemessen zu regeln. Männern mangelt es auch an Einfühlungsvermögen gegenüber Frauen, deren Physiologie auch ihre Stimmungen und ihre Fähigkeit zur Teilnahme am gesellschaftlichen Leben bestimmt, was dazu führen kann, dass sie Flirtversuche von Männern zurückweisen, wie gut gemeint sie auch sein mögen. Männern fehlt auch oft die Perspektive von Frauen, die in jeder Situation andere Signale wahrnehmen als Männer, was auf ihre unterschiedlichen physiologischen Wahrnehmungsfähigkeiten zurückzuführen ist. Auch die Verarbeitung von Emotionen fällt Frauen leichter als Männern, da sie sich leichter einen Reim auf eine Situation machen können.

Diese Unterschiede werden besonders deutlich, wenn man viele Transfrauen beobachtet, die, obwohl sie sich angeblich als Frau fühlen, nicht in der Lage sind, sich in typisch weibliche Empfindungen einzufühlen. Deutlich wird dies an Fällen von Transfrauen in geschützten Unterkünften für Frauen, die häusliche Gewalt erlitten haben, und die kein Einfühlungsvermögen für das Trauma der Frauen aufbringen, in einigen Fällen ihre Stimme erheben oder sogar nackt herumlaufen und ihre männlichen Genitalien zur Schau stellen, was Ängste auslöst. Sie aber dennoch erwarten, als Frauen akzeptiert zu werden. Nirao Shah, Professor für Psychiatrie und Verhaltenswissenschaften sowie für Neurobiologie, sagte: „Alle sozialen und sexuellen Begegnungen beruhen darauf, dass man zunächst das Geschlecht des anderen korrekt identifiziert, das ist eine grundlegende Entscheidung, die Tiere treffen.“ Aufgrund einer wachsenden Liste von Hirnschaltkreisen bei Säugetieren, die bei Männchen anders funktionieren als bei Weibchen, erweisen sich Frauen im Allgemeinen als geschickter bei der Erkennung des anderen Geschlechts und orientieren sich stärker an Gesichtern und Bewegungen als Männer. Dies macht es einer traumatisierten Frau schwer, wegzuschauen, wenn eine Person, die sie sofort als Mann identifiziert, den Raum betritt.

Die Frage ist also: Was muss getan werden, um diese Probleme in den Beziehungen zwischen Männern und Frauen zu überwinden? Es sollte nicht nötig sein zu sagen, dass beide Seiten zusammenarbeiten müssen und dass nicht nur die Männer das Problem sind. Viele Mütter haben eine wichtige Rolle bei der Erziehung ihrer Söhne zum Erwachsensein gespielt, und zu viele haben dies getan, indem sie sich auf konventionelle Normen verlassen haben, die Männer auf bestimmte gesellschaftliche Erwartungen beschränken und von ihnen verlangen, dass sie sich daranhalten, da sie sonst schwerer Kritik und Spott ausgesetzt sind. „Jungs weinen nicht“ oder alles, was mit „Echte Männer tun/nicht tun…“ beginnt, sind klassische Beispiele für die Verstärkung toxischer Regeln, die von ihnen erwarten, stoisch, gefühllos, logisch und furchtlos zu sein, was sie einem größeren Risiko aussetzt, an psychischen Problemen zu leiden.

Obwohl das Abendland angeblich von christlichen Moralvorstellungen beeinflusst wurde, sind Liebe, Freude, Frieden, Geduld, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut und Selbstbeherrschung keine offensichtlichen Verhaltensmodelle. Wenn sich die Männer ändern sollen, muss die Gesellschaft sensibler für das werden, was den Menschen schadet, sei es in Beziehungen, bei der Arbeit, im Spiel oder in unserer populären Darstellung des Lebens in der Unterhaltung. Frauen müssen begreifen, dass Männer auf andere Weise verletzlich sind als sie selbst, und ein populäres deutsches Lied von Herbert Grönemeyer hat dies gut demonstriert:

Männer nehm’n in den Arm, Männer geben Geborgenheit

Männer weinen heimlich, Männer brauchen viel Zärtlichkeit

Oh Männer sind so verletzlich

Männer sind auf dieser Welt einfach unersetzlich

Männer kaufen Frauen, Männer stehen ständig unter Strom

Männer baggern wie blöde, Männer lügen am Telefon

Oh Männer sind allzeit bereit

Männer bestechen durch ihr Geld und Ihre Lässigkeit

Männer haben’s schwer, nehmen’s leicht,

Außen hart und innen ganz weich

Werd’n als Kind schon auf Mann geeicht                   

Wann ist ein Mann ein Mann?

Wann ist ein Mann ein Mann?

Wann ist ein Mann ein Mann?

Männer haben Muskeln, Männer sind furchtbar stark

Männer können alles, Männer kriegen ’nen Herzinfarkt

Oh Männer sind einsame Streiter, Müssen durch jede Wand,

Müssen immer weiter, Männer haben’s schwer, nehmen’s leicht,

Außen hart und innen ganz weich

Werd’n als Kind schon auf Mann geeicht

Wann ist ein Mann ein Mann?

Wann ist ein Mann ein Mann?

Wann ist ein Mann ein Mann?

Männer führen Kriege, Männer sind schon als Baby blau

Männer rauchen Pfeife, Männer sind furchtbar schlau

Männer bauen Raketen, Männer machen alles ganz genau

Wann ist ein Mann ein Mann?

Wann ist ein Mann ein Mann?

Männer kriegen keine Kinder, Männer kriegen dünnes Haar

Männer sind auch Menschen, Männer sind etwas sonderbar

Männer sind so verletzlich, Männer sind auf dieser Welt

Einfach unersetzlich.

Männer haben’s schwer, nehmen’s leicht,

Außen hart und innen ganz weich

Werd’n als Kind schon auf Mann geeicht

Wann ist ein Mann ein Mann?

Wann ist ein Mann ein Mann?

Wann ist ein Mann ein Mann?

Wann ist man ein Mann?

Wann ist man ein Mann?

Wann ist man ein Mann?

Auf der Suche nach Sinn und Weisheit

Ich bin ein privilegierter Mensch, zumindest fühle ich mich so, und ich bin dankbar, dass trotz der wenigen widrigen Umstände, die ich bereits erlebt habe, nichts so schlimm war, dass es in die Nachrichten gekommen wäre, geschweige denn so schlimm, wie es viele Millionen Menschen auf der ganzen Welt im Laufe meines Lebens erlitten haben. Wenn ich auf fast sieben Jahrzehnte zurückblicke, war ich mir meines Privilegs nicht immer bewusst, und wie alle Menschen hat man mit einigen Schwierigkeiten zu kämpfen.

Seit meinem zweiten Lebensjahr wuchs ich in Devon, England, auf, wo mein Vater in der britischen Armee in einer Einheit mit Amphibienfahrzeugen diente. Diese Zeit wurde von dem Unfall überschattet, bei dem mein Vater seine Mannschaft verlor. Da der Unfall auf einen Konstruktionsfehler zurückgeführt wurde, traf meinen Vater keine Schuld, dennoch war er zutiefst betroffen, und es hatte zur Folge, dass er keinen Geistlichen ertragen konnte, der ihm Trost spenden wollte. Mein Vater war damals ein Meisterschwimmer, was ihn gerettet hat, ebenso wie die Tatsache, dass er oben war, als die Maschine in die Tiefe stürzte. Ich habe ihn immer als etwas melancholisch und sehr pflichtbewusst erlebt, was ihm von allen Familienmitgliedern nachgesagt wurde. Er wirkte streng, aber ich traf viele Menschen im Lauf des Lebens, die ihm dankbar waren, und viele Menschen, die nur Gutes über ihn sagen konnte.

Für einen Jungen, der vier Jahre auf einen Bruder warten musste, war es eine Zeit des unsichtbaren Freundes, der Fantasien, tiefen Eindrücke, und wilde Ausschweifungen, die zu Unfällen führte, die zum Glück nicht tödlich endete. Ich war die meiste Zeit in meine eigene Welt, die nur notdürftig der realen Welt tangierte. Ich erzählte von Dinge, die meine Familie als blühende Fantasie beschrieb, und hatte Schwierigkeiten, die Realität zu akzeptieren. Die Erinnerungen an die Zeit damals sind schleierhaft, als ob ich nicht immer da war, was nach den Erzählungen meiner Mutter, zum Teil stimmte. Ich habe als Kind das Gefühl gehabt, dass es viel zu viel gab, mit dem ich zusammenstoßen könnte, und so hielt ich mich zurück und beobachtete, oder versank in eine andere Welt meiner Fantasie.

Ich hatte eine schwierige Beziehung zur Schule, was nicht gerade hilfreich war. Nachdem ich in Devon eingeschult worden war, wechselte ich wegen der Versetzung meines Vaters nach Malaysia die Schule, dann wieder nach seiner Rückkehr (von den Unterbrechungen ganz zu schweigen), dann in die Sekundarstufe, noch einmal, als er die Armee verließ und in meinen Geburtsort zog, mit einem erneuten Wechsel in den letzten Schuljahren, war es mir kaum möglich, akademisch etwas zu erreichen. Ein Lehrer hatte mein Interesse an Literatur, klassischer Musik, Theater und Tanz geweckt, aber innerhalb eines Jahres war ich schon wieder woanders, und jeder Versuch, wieder Anschluss zu finden, scheiterte. Ich tauchte wieder in meine Fantasie ab, schwänzte die Schule und versteckte mich in Cafés, um Hefte voll zu kritzeln.

Dieser kurze Einblick in meine frühe Kindheit sollte nur verdeutlichen, dass ich von Anfang an eher zum Rückzug neigte, und spätere Begegnungen mit der Welt verstärkten diese Neigung, auch wenn ich mich bemühte, teilzunehmen. Kein Wunder also, dass ich in der Berufswelt als unreifes, schüchternes Wesen auftrat, das buchstäblich an die Hand genommen werden musste. Im privaten Bereich wurde diese Aufgabe meinem Cousin übertragen, der ein Jahr jünger war und dem ich irgendwie interessant erschien. Wir wurden beide eindringlich darauf hingewiesen, dass wir als Cousinen keine Liebesbeziehung haben durften, was mir etwas seltsam vorkam, aber vielleicht war sie in dieser Hinsicht schon weiter als ich.

Als ich beschloss, zum Militär zu gehen, erregte ich allgemeines Aufsehen, und mein Vater hielt mich davon ab, bis ich mit achtzehn Jahren selbst entscheiden durfte. Er war immer noch dagegen und warnte mich eindringlich vor einer Dummheit, ohne ins Detail zu gehen. Es war eine andere Welt, und doch merkte ich bald, dass meine Neigung, alles aus der Ferne zu beobachten, sich als hilfreich erwiesen hatte, um zu verhindern, dass ich nachts weinte, wie einige meiner Kameraden. Es war eine Erleichterung, als die Grundausbildung vorbei war und wir nicht mehr mit Waffen umgehen mussten. Der Ton wurde weniger rau, aber die Fahrschule wurde durch zwei cholerische Fahrlehrer anfangs erschwert, bis ich die größeren Fahrzeuge fahren durfte. Als ich endlich Panzer fahren durfte, wurde ich als Naturtalent bezeichnet, was aber bedeutete, dass ich meine Prüfung früher als sonst ablegen musste und weniger fahren durfte.

Erst als ich nach Deutschland versetzt wurde, bekam ich ein Gefühl dafür, was ich suchte. Es war mir selbst ein Rätsel, warum ich Soldat wurde, aber ich begann zu begreifen, dass ich aus England herauswollte, und Deutschland erschien mir auf eine angenehme Weise sehr fremd. Das bisschen Deutsch, das ich in der Schule gelernt hatte, diente nur zur Belustigung der deutschen Frauen und es dauerte nicht lange, bis meine Zeit in der Kaserne zweitrangig wurde und ich die Stadt, in der ich stationiert war, und vor allem die Frauen entdeckte. Der schüchterne Junge, der ich war, merkte plötzlich, dass die Gesellschaft von Frauen sehr angenehm war, und ich verlor meine anfänglichen Hemmungen. Dennoch wurde meine verspielte Art nicht von allen akzeptiert, und ich hörte sehr oft: „Du meinst es nicht ehrlich!“ Nachdem eine Freundschaft mit einer Lehrerin aus England zu einer Mitgliedschaft in einem Buchclub geführt hatte, begann ich zu lesen und entdeckte, dass viele meiner Fragen schon vor langer Zeit von Autoren gestellt worden waren. Die Welt begann sich zu öffnen.

Die erste richtige Beziehung, die ich hatte, endete nach der Tour in Nordirland – obwohl ich bis zum Schluss Briefe erhielt, die ihre Liebe bezeugten. Diese Erfahrung setzte in mir einen Prozess in Gang, und bis dahin hatte ich weiter für mich geschrieben, manchmal in sehr schlechtem Deutsch – manchmal hatte ich sogar auf Wunsch Liebesbriefe für meine Kameraden geschrieben, die sie dann an ihre Freundinnen schickten. Das Verhältnis zu meinem Vater litt unterdessen darunter, dass er nicht daran interessiert war, auf meine Vermutungen, Fragen und Beobachtungen ausführlich einzugehen. Infolgedessen hatte ich viele Fragen, die niemanden in meinem Umfeld interessierten, die aber durch das Lesen zunahmen, und ich merkte, wie sich in mir eine Leere auftat.

Es war nur logisch, dass ich, als ich in dieser Situation meine zukünftige Frau traf und wir lange Gespräche führten, die zwar noch nicht alle Fragen in mir beantworteten, aber dem Leben plötzlich eine Tiefe gaben, daran festhalten wollte. Nach kurzer Zeit machte ich ihr einen Heiratsantrag, auf Deutsch und falsch ausgesprochen, aber immerhin. Sie stellte klar, dass sie nie nach England ziehen wollte, und ich konnte ihr versichern, dass ich es auch nicht wollte. Unsere Entscheidung hat alle schockiert, vor allem mein damaliger bester Freund, der sogar in Frage stellte, ob ich überhaupt heiraten sollte. Meine Familie war in Aufruhr, denn meine Mutter hatte geplant in dem Jahr wieder zu heiraten und konnte es sich nicht leisten, auch noch nach Deutschland zu kommen, und mein Vater vermutete, dass ich nicht nach England zurückkehren würde.

So chaotisch unsere Hochzeit auch war, ohne meine Familie, da mein Bruder, der ebenfalls in Deutschland stationiert war, vergessen hatte, zur Hochzeit zu kommen, und nur mit meinem besten Freund als Trauzeugen, aber in Anwesenheit einiger älterer Damen aus dem Altenclub, den die Großmutter meiner Frau besuchte, war es der Beginn einer langanhaltenden Beziehung für uns beide bis heute. Die Strapazen des vorzeitigen Ausscheidens aus dem Militär bestärkten mich in meinem Entschluss, einen Neuanfang zu wagen, und so wurde ich 1978 zum Emigranten und in gewisser Weise zum Exilanten. Obwohl es viel über die ersten Jahre in Deutschland zu sagen gibt, möchte ich nur sagen, dass ich in eine Lernphase eintrat, die einer Explosion glich. Ich konnte nicht genug lesen und habe alles aufgesogen, was ich bekommen konnte. Die Frage nach dem Sinn des Lebens und einer angemessenen Richtung machte sich in mir breit, und in dem Haus, in dem wir wohnten, gab es auch Studenten, mit denen ich viele Abende in feucht-fröhlichen Diskussionen verbrachte, was natürlich auch dazu beitrug, mein Deutsch zu verbessern.

Als meine Frau schwanger wurde, änderte sich etwas. Mir wurde klar, dass mein bisheriges Leben als LKW-Fahrer nicht erfüllend war, und mit einem Kind musste sich etwas ändern. Ich besuchte die Abendschule, um die notwendigen Qualifikationen zu erwerben und einen Beruf zu erlernen. Ich hatte die Altenpflege im Sinn, weil die Großmutter meiner Frau bereits in einem Altenheim lebte und ich bei Besuchen das Gefühl hatte, dass das zu mir passen könnte. Leider hatte ich nicht bedacht, dass mit unserem neugeborenen Sohn die sehr schlecht bezahlte Ausbildung nicht möglich sein würde, und obwohl ich bereits Zusagen hatte, musste ich erst einmal absagen. Stattdessen bekam ich ein Angebot, als Zivilist in einer Werkstatt der britischen Armee zu arbeiten. Als die Werkstatt nach zehn Jahren und nach dem Fall der Berliner Mauer und der Auflösung der UdSSR aufgelöst wurde, bekam ich eine zweite Chance, jetzt als Umschüler, eine Ausbildung zum Altenpfleger.

In der Zwischenzeit hatte ich mich einer Gruppe von Christen angeschlossen, die sich selbst als „bibelgläubig“ bezeichneten, was sehr aufschlussreich war, und ich hatte dort viele Freunde gefunden. Nach ein paar Jahren fühlte sich die fundamentalistische Ausrichtung jedoch einengend an, und nach einem Gespräch mit einem älteren Leiter des Kreises, der mir bestätigte, dass ich „weiterziehen“ müsse, trennte ich mich von der Gruppe. Denn ich hatte begonnen, an dem begrenzten Konzept „Gott“ zu zweifeln, auch wenn ich noch nicht die richtige Formulierung gefunden hatte, fand ich die Ideen, die ich in der Gruppe hörte, zu klein und inkonsequent. Ich hatte angefangen, vergleichende Studien zu lesen und den Buddhisten, die Vedische Tradition und Taoisten zuzuhören, wie ihr Verständnis des „einheitlichen Ganzen“ viel größer war.

Die Ausbildung hat mir noch einmal eine ganz neue Perspektive und neuen Lesestoff gegeben. Die Kombination aus der Ausbildung und der geistigen Horizonterweiterung, vor allem im Umgang mit Menschen am Ende ihres Lebens, wobei ich natürlich mehr mit Bewohnern zu tun hatte, die nacheinander starben, stärkte in mir einen Idealismus, der mir in allem eine Richtung gab und mich schließlich in die Leitungsposition führte. Die Kirchengemeinde, der ich mich angeschlossen hatte, wollte mich auch zum Presbyter wählen, was ich zuließ. Das Problem, wenn man so idealistisch ist, ist, dass man enttäuscht werden kann. Ein heftiger Streit in der Gemeinde, ein cholerischer Chef, anhaltend schwierige Umstände, die man kaum lösen kann, und der Verlust der sozialen Ausrichtung der Arbeit trugen dazu bei, dass sich allmählich Enttäuschung einstellte, die nach anhaltendem Stress im Burnout endete.

Es ist wichtig zu erkennen, dass die Situation, in der man sich befindet, das Problem ist, denn wenn man deprimiert ist, neigt man dazu, sich selbst herunterzumachen und sich die Schuld zu geben. Nicht, dass man keine Fehler macht, aber wenn eine Situation zu einem Teufelskreis wird, aus dem es kein Entrinnen gibt, wird einem klar, dass man in einem Prozess gefangen ist, der eher einer Maschine gleicht als einem gesunden menschlichen Leben, in dem Fehler korrigierbar sind und nicht das Ende von allem bedeuten. Wir sind leider Opfer einer einseitigen Sichtweise auf das Leben geworden, und die vielen Krisenherde in der Welt zeigen uns, dass wir aus den Fehlern des vergangenen Jahrhunderts noch nicht gelernt haben. Wenn wir in der Lage wären, mehr das große Ganze zu betrachten, würden wir sehen, welche Teufelskreise wir schaffen.

Das Thema meines Blogs wird sein, diese Perspektive zu erforschen, und ich hoffe, dass meine LeserInnen es interessant finden, nach Weisheiten zu suchen, die uns helfen, der Maschine zu entkommen und zu leben, zu lieben, zu lachen und wenn nötig zu weinen. Ich freue mich darauf, von Ihnen/Euch zu hören, egal ob es sich um Kritik, Ermutigung oder Fragen handelt.

Ich danke Ihnen/Euch für Ihre Zeit.

Fünf Uhr morgens

Ich liege seid 5 Uhr wach und fühle mich allein. Zwar kann ich die Stimmen und die Schritte der Schwester auf den Flur hören, doch sie war kurz hier und hat mir zu verstehen gegeben, sie könnte nicht andauernd hereinkommen. Sie hat mir den Fernseher angemacht aber nicht gemerkt, dass ein Sportsender läuft. Es ist nur Werbung für Heimtrainer und Fitnesskurse zu sehen – und ich liege hier mit amputierten Beinen.

Ich weine sehr viel, obwohl ich eigentlich ein Mann sein soll. Doch seit meinem Schlaganfall erlebe ich die linke Hälfte meines Körpers nur als Belastung, fühle mich nicht mehr als Mensch, geschweige denn als Mann. Ich bin 85 Jahre. So alt wird kein Schwein. Und ich liege hier und warte auf die Ereignisse des Tages.

Ich liege auf meinem Bett voll mit Kissen, Decken, Oberbett, Wärmeflasche, Taschentücher, wie auf Watte. Ich kann mit meinem gesunden Arm mich ein wenig mit dem „Galgen“ bewegen, doch nicht viel. Wenn ich es nicht aushalten kann, so drehe ich mich zur gelähmten Seite – nur ich kann dann nicht mehr zurück. Die Schwester drückt mir ein Kissen in den Rücken und sagt: es muss sein! Schlimmer noch, sie nehmen manchmal eine gefaltete Decke – wie Steine im Rücken fühlt sich das an. Doch die wissen nicht, wie es ist, stundenlang hier zu liegen mit Steinen in den Rücken.

Sie wissen ohnehin nicht, wie mein Leben abgelaufen ist. Sie wissen nicht, wie es ist Diabetes zu bekommen, wie schwer es sein kann, Diät einzuhalten. Sie sagen mir nur, dass meinen amputierten Beinen auf das Nichteinhalten meiner Diät zurückzuführen ist. Also, selbst schuld! Sie wissen erst recht nicht, wie es ist, einen Schlaganfall zu bekommen und im Krankenhaus aufzuwachen. Damals habe ich niemanden verstanden und konnte mich nicht äußern. Ich konnte mich überhaupt nicht bewegen und sah auch nichts, was links von der Mitte war.

In meiner Jugend war ich sportlich. Ich war, wie die meisten, auch in der Wehrmacht. Mein Vater war auch Soldat gewesen. Nur er ist nicht so wie ich gestorben. Ich habe viele Menschen gekannt, war auch bekannt bei vielen und konnte mitreden. Ich gehörte dazu. Nun bin ich abseits, liege in einem Zimmer mit jemand anders – manchmal weiß ich wer es ist, manchmal kommt es mir vor, als wäre jemand aus der Familie dort. „Alles Quatsch!“ sagen die Schwestern. Was wissen sie schon!

Es ist immer noch halb sechs. Erst um sechs Uhr kommt die erste zum Frühdienst, aber erst um acht Uhr werden sie bei mir die Tür aufmachen. Bis dahin werde ich diesen Mist im Fernsehen ertragen müssen – die Fernbedienung finde ich nicht und die Schelle haben sie weggenommen – glaube ich zumindest. Erst um acht Uhr wird Schwester Maria durch die Tür kommen. Sie lächelt dann freundlich und wird mich waschen und anziehen. Sie ist Ausländerin, wie so viele Mitarbeiter hier im Heim. Doch sie ist freundlich.

Manchmal bin ich ungehalten, weil ich schlecht geschlafen habe. Manchmal habe ich „Phantomschmerzen“, wie sie sagen. Phantom, das ist wie ein Geist oder sowas, aber meine Schmerzen sind real. Manchmal habe ich so einen Heißhunger oder Durst bis unter beide Arme, doch ich komme nicht an das Wasser heran. Da kann ich ungemütlich werden. Manchmal komme ich an die Flasche, kann aber mit meinen eine Hand die Flasche nicht öffnen. Es ist schon mal vorgekommen, dass ich die Flasche gegen die Wand geworfen habe. Da kam jemand – aber nur zu schimpfen, zu trinken bekam ich immer noch nicht.

Das Schlimmste ist, wenn sie so tun, als wäre ich ein Kind. Ich bin kein Kind, auch wenn sie mich drehen und wenden müssen. Auch wenn sie mich aus dem Bett in meinen Rollstuhl heben müssen, mir den Stecktisch an den Rollstuhl befestigen, oder ein Lätzchen umhängen. Aber, was bin ich eigentlich? Tagsüber bekomme ich von einigen manchmal das Gefühl, wichtig zu sein. Aber nur einige. Die sagen: Er ist schwierig! Doch sie sollten das erleben, was ich erleben muss. Das ist kein Leben.

Aber meine Kinder sind noch berufstätig. Sie können mich nicht pflegen, sagen sie. Sie kommen jeden Tag. Ich sollte wohl dankbar sein. Mein Sohn ist auch noch geschieden … scheiß Leben. Ich habe schon der Schwester gesagt, die sollen mir eine Spritze geben zum Schlafen – für immer. Doch die tun‘s nicht. Sie haben ohnehin den falschen Beruf. Ich habe den Chef, so wie sie alle sagen, gefragt, ob er immer noch an dem Beruf Spaß hat, er sagte ja. Doch es wäre nichts für mich.

Er ist auch freundlich, kann mich eigenhändig aus dem Rollstuhl heben – aber ein Griff hat er, da bleibt kein Auge trocken. Aber er ist freundlich und spricht mit mir, als wäre ich ein Mann. Er würde sagen: Sie sind ja ein Mann! Ich glaube, er hat auch Ahnung. Die Schwestern fragen ihn immer, wie mein Po behandelt werden sollte – und er sagt immer: „Es sieht besser aus heute,“ oder „da müssen wir was tun.“  Oder er kommt und sieht die Wunden an den Stümpfen an, die immer noch nicht zugewachsen sind.

Vielleicht kommt er heute zu mir. Aber, er ist nicht so oft da. Irgendjemand wird kommen – nur bis dahin werde ich wahrscheinlich wieder eingeschlafen oder vor Durst oder Hunger umgekommen sein. Manche reden so laut, dass man Kopfschmerzen bekommt – andere sagen nur das Nötige. Da kommt man sich wie ein Stück Fleisch vor, das zubereitet wird. Was soll‘s – ich kann nur nicht mehr diesen Fitnesswahn im Fernseher ansehen. Ich mache die Augen zu, vielleicht kann ich schlafen, vielleicht träumen – vielleicht ….

„Die Sache mit den Dingen“ – Achtsamkeit

Als ich in den 1990er Jahren in der Altenpflege arbeitete, war eine der seltsamsten Begegnungen, die wir hatten, die mit Patienten, die einen Schlaganfall erlitten hatten. Oft lag der Schlaganfall schon lange zurück, und die Chancen, die Symptome rückgängig zu machen, waren längst dahin. Wenn ich erfuhr, dass ich einen neuen Patienten oder Bewohner auf meiner Station aufnahm, war es für mich wichtig zu wissen, welche Seite gelähmt war und in welchem Ausmaß. Das hatte mit dem Pflegebedarf zu tun, denn wir stellten fest, dass die linksseitig Gelähmten oft Probleme mit der Sprache hatten, aber ihre gelähmte Seite in ihr Leben integriert hatten, während die rechtsseitig Gelähmten das Symptom des „Neglects“ aufwiesen und oft sehr viel eingeschränkter waren, weil ihre linke Seite „nicht mehr zu ihnen gehörte“, wie uns ein Bewohner sagte.

Damals habe ich für meine Mitarbeiter Musterpflegepläne entwickelt, um die Pflegeplanung zu vereinfachen und sicherzustellen, dass nichts vergessen wird. Bei der Entwicklung des Pflegeplans für Bewohner mit Schlaganfall stellte ich fest, dass das gesamte Thema weitaus komplexer war, als ich in meiner Ausbildung gelernt hatte oder in den uns zur Verfügung stehenden Lehrbüchern dargestellt wurde. Dort, wo die Komplexität dargestellt wurde, hatten meine Mitarbeiter oft Schwierigkeiten, dieses Wissen in ihre Pflegeplanung zu übertragen oder zwischen der Theorie und dem konkreten Fall zu unterscheiden. Damals war ich so etwas wie ein Novum, was mir ein Gastpsychiater bei einer unserer Fortbildungsveranstaltungen sagte, und wir entwickelten eine Art Freundschaft, die so lange anhielt, wie ich in diesem Bereich arbeitete.

Seitdem ist eine Reihe von Büchern von Iain McGilchrist erschienen, in denen die Komplexität der Erkrankung durch einen Schlaganfall und weit darüberhinausgehende Auswirkungen auf die Arbeit der Gehirnhälften untersucht wurden. Ich führe die Bücher im Folgenden auf. In Ways of Attending schreibt McGilchrist: „Aufmerksamkeit mag etwas langweilig klingen, ist es aber überhaupt nicht. Sie ist nicht nur eine weitere „kognitive Funktion“ – sie ist tatsächlich nichts weniger als die Art und Weise, wie wir mit der Welt in Beziehung treten“. In seinem neuen Buch „The Matter With Things“ fügt er dem ein Kapitel über Aufmerksamkeit hinzu, in dem er diesen Punkt in einem größeren Zusammenhang erläutert.

Was ich in den 1990er Jahren nicht verstand, war, dass die Menschen, mit denen wir zu tun hatten, ein viel größeres Problem hatten, als wir uns vorstellen konnten. Diejenigen, die ihre linke Seite „verleugneten“, hatten in vielen Fällen tatsächlich kein Konzept mehr für die linke Seite, und es ging nicht nur darum, einen Teller zu drehen, damit der Bewohner weiter essen konnte – solange die linke Seite des Tellers nicht in Sicht war, existierte sie für ihn nicht. Dies zeigte sich in der offensichtlichen Unfähigkeit, mit dieser Einschränkung zurechtzukommen und den Teller selbst zu drehen, denn bei der nächsten Mahlzeit war die Erfahrung der vorherigen verschwunden. McGilchrist gibt sich große Mühe, dieses Phänomen anhand zahlreicher in medizinischen Fachzeitschriften aufgezeichneter Beispiele zu belegen.

Ich erwähne dies in meinem Blog nicht nur, weil ich die Bücher Menschen empfehle, die besser verstehen wollen, wie wir uns zu unserer Welt verhalten, sondern auch, weil McGilchrist darauf hinweist, dass ein solch seltsames Phänomen nicht auf Bewohner von Pflegeheimen oder Patienten in einem medizinischen Umfeld beschränkt ist. Wir erleben im Laufe unseres Lebens viele Menschen, die eine seltsame Unfähigkeit zeigen, mit der Welt in Beziehung zu treten, bei denen wir nicht sofort eine Form von Pathologie am Werk sehen würden. In vielerlei Hinsicht ist dies ein weiteres Beispiel dafür, warum wir mit unseren Mitmenschen geduldig sein müssen, und ich hoffe, dass wir die gleiche Geduld aufbringen und unseren Differenzen auf den Grund gehen können.

Wenn es derzeit eine Krise gibt, dann zeigt sich das sicherlich in der Unfähigkeit mancher, sich mit der Realität zu arrangieren. Ich erlebe viele Menschen, die, wie auch ich, dazu neigen, Aspekte der Welt auszublenden, die nicht mit unserem Weltbild vereinbar sind. Das ist nicht nur bei religiösen oder politischen Extremisten der Fall, sondern wir alle haben einen blinden Fleck. Es gibt verschiedene Systeme, die es uns ermöglichen sollen, diese blinden Flecken zu überwinden, sei es das Enneagramm oder die Myers-Briggs-Persönlichkeitstypen, die uns zumindest eine andere Perspektive vermitteln. Ein einfacherer Weg ist die Kommunikation mit anderen Menschen, die eine andere Sichtweise haben, wenn wir die möglichen Konflikte, die auftreten können, akzeptieren können. Aber im Grunde genommen geht es um die Frage, wie wir die Welt wahrnehmen.

Der Begriff „Achtsamkeit“ ist in den letzten zwanzig Jahren viel in Umlauf gebracht worden. Ich entdeckte ihn 2002, als ich einen MBSR-Kurs (Mindfulness-Based Stress Reduction) besuchte. Der Begriff Achtsamkeit stammt aus der buddhistischen Lehre, wo er eine größere Bedeutung hat als im medizinischen Bereich und Teil einer Lehrmeinung ist. Die Bücher von Jon Kabat-Zinn greifen diesen einen Aspekt auf und lehren uns, achtsam mit der Welt umzugehen und die „normale Katastrophe“, die wir Leben nennen, zu bewältigen und Stress zu reduzieren. Die Methode wurde auf andere besondere Stressbereiche ausgedehnt, nicht nur auf den normalen Stress, den wir unter Druck empfinden können. Ich halte dies für wertvoll, aber ich denke, dass die Folgerungen, die Iain McGilchrist in seinen Büchern zieht, ebenso wichtig sind, denn er weist darauf hin, dass wir die Fähigkeit haben, uns in einem breiteren Sinne auf die Welt zu beziehen, aber wir scheinen gegenwärtig unsere Perspektive zu verengen und das große Ganze zu verlieren.

Die Rezension des neuesten Buches auf Amazon ist vielleicht etwas, mit dem ich dieses Thema abschließen und das Buch allen Interessierten empfehlen kann.

„Ist die Welt im Wesentlichen träge und mechanisch – nichts als eine Ansammlung von Dingen, die wir benutzen können? Sind wir selbst nichts weiter als ein Spielball des Zufalls, verwickelt in einen Krieg aller gegen alle? Warum sind wir in der Tat damit beschäftigt, alles zu zerstören, was für uns wertvoll ist?

In seinem internationalen Bestseller Der Meister und sein Abgesandter wies McGilchrist nach, dass jede Gehirnhälfte uns eine radikal andere Sicht auf die Welt vermittelt, und nutzte diese Erkenntnis, um ein neues Verständnis der wichtigsten Wendepunkte in der Geschichte der westlichen Zivilisation zu vermitteln.

Zweimal zuvor, im antiken Griechenland und Rom, hatte die in der linken Hemisphäre entwickelte Wahrnehmung, die uns befähigte, die Welt zu manipulieren, letztlich die viel differenziertere Sichtweise der rechten Hemisphäre in den Schatten gestellt, die es uns ermöglichte, sie zu verstehen.

Dies hat jedes Mal den Zusammenbruch einer Zivilisation eingeläutet. Und nun geschah es zum dritten und möglicherweise letzten Mal.

In diesem bahnbrechenden neuen Buch geht Iain McGilchrist auf einige der ältesten und schwierigsten Fragen der Menschheit ein – Fragen, die jedoch für uns alle heute eine praktische Dringlichkeit haben.

Wer sind wir? Was ist die Welt?

Wie können wir Bewusstsein, Materie, Raum und Zeit verstehen?

Ist der Kosmos ohne Sinn und Wert?

Können wir das Heilige und Göttliche wirklich vernachlässigen?

Dabei vertritt er die Auffassung, dass wir einer von der linken Gehirnhälfte beherrschten Sicht der Dinge verfallen sind, die uns blind macht für die ehrfurchtgebietende Wirklichkeit, die uns überall umgibt, wenn wir nur Augen hätten, sie zu sehen.

Er schlägt vor, dass wir, um uns selbst und die Welt zu verstehen, Wissenschaft und Intuition, Vernunft und Vorstellungskraft brauchen, nicht nur eine oder zwei; dass sie auf jeden Fall weit davon entfernt sind, im Widerspruch zueinander zu stehen; und dass die rechte Gehirnhälfte bei beiden die wichtigste Rolle spielt.

Und er zeigt uns, wie wir die „Signatur“ der linken Hemisphäre in unserem Denken erkennen können, um Entscheidungen zu vermeiden, die eine Katastrophe nach sich ziehen. Er folgt den Pfaden der modernsten Neurologie, Philosophie und Physik und zeigt, wie sie uns alle zu einer ähnlichen Vision der Welt führen, einer Vision, die sowohl tiefgründig als auch schön ist – und die zufällig mit den tiefsten Traditionen menschlicher Weisheit übereinstimmt.

Es ist eine Vision, die die Welt wieder zum Leben erweckt und uns zu einem besseren Leben in ihr verhilft: eine Vision, die wir annehmen müssen, wenn wir überleben wollen.“

Iain McGilchrist’s books include The Matter With Things: Our Brains, Our Delusions and the Unmaking of the World (Perspectiva), The Master and his Emissary: The Divided Brain and the Making of the Western World (Yale UP), The Divided Brain and the Search for Meaning: Why Are We So Unhappy? (Yale UP), and Ways of Attending (Routledge).