Die Welt wird durch Gehirnamputierte regiert

Nun, vielleicht klingt das übertrieben, und es handelt sich nicht wirklich um Amputierte, aber es gibt Anlass zur Sorge. Wer mit Hirnerkrankungen wie Apoplexie oder Schlaganfall vertraut ist, kennt auch das Phänomen des so genannten Neglects. Bei den meisten Neglect-Patienten ist die rechte Gehirnhälfte betroffen und die linke Seite hat eine eingeschränkte Wahrnehmung. Das Wort Neglect kommt vom lateinischen neglegere, was so viel bedeutet wie nicht wissen, missachten oder vernachlässigen, und in diesem Zustand kann sich die Missachtung auf Reize aller Sinne beziehen, insbesondere auf Reize auf der linken Seite des Raumes, und es ist üblich, dass sie ihre linke Körperseite als fremd empfinden. Der Arm gehört nicht zu ihnen, ist manchmal zu hören, und die Betroffenen sind sich ihrer Defizite meist nicht bewusst und nehmen ihr Verhalten zunächst als normal wahr.

Laut Iain McGilchrist, Psychiater, Schriftsteller und ehemaliger Oxford-Literaturwissenschaftler, kann der Mensch auch durch die gewohnheitsmäßige Aufgabe der rechtshemisphärischen Gehirnfunktionen eine Missachtung oder Vernachlässigung des größeren Zusammenhangs der Welt und sogar der unmittelbaren Umgebung entwickeln. Er erklärt, dass die gesunden Prozesse, die an unserer Wahrnehmung der Welt beteiligt sind, beide Gehirnhälften einbeziehen, und grob gesagt sorgt die rechte Hemisphäre für aufmerksames Schauen, ohne jedoch die Dinge im Detail wahrzunehmen. Bei der Beobachtung eines unbekannten Phänomens wird jedoch die linke Hemisphäre eingesetzt, um es zu identifizieren und ihm gegebenenfalls einen Namen zu geben. Diese Informationen gehen zurück in die rechte Hemisphäre, vervollständigen das Bild und stellen es in den allgemeinen Kontext.[i]

Bei dem Patienten mit Neglect ist der allgemeine Kontext verloren, nämlich das Zusammenspiel der linken und rechten Körperhälfte, und er sieht sogar nur die Hälfte dessen, was vor ihm liegt, so dass nur die rechte Hälfte eines Tellers geleert wird, ohne dass es dem Betroffenen komisch vorkommt. Wer gewohnheitsmäßig nur mit Details befasst, ohne sie in dem gesamten Zusammenhang zu sehen, kann im geistigen Sinn etwas ähnliches erreichen. Es ist bereits bekannt, dass der Menschen mit seinen Gewohnheiten die Plastizität seines Gehirns verändern kann, so dass es sichtbar wird. Neuroplastizität, auch bekannt als neuronale Plastizität oder Gehirnplastizität, ist ein Prozess, der adaptive strukturelle und funktionelle Veränderungen des Gehirns beinhaltet. Eine gute Definition ist „die Fähigkeit des Nervensystems, seine Aktivität als Reaktion auf intrinsische oder extrinsische Stimuli zu verändern, indem es seine Struktur, Funktionen oder Verbindungen umgestaltet“[ii]. So auch können Funktionen abgewöhnt werden, bis es dem Betroffenen nicht einmal auffällt.

McGilchrist behauptet, dass dies im Laufe der Geschichte immer wieder vorgekommen sei, vor allem dann, wenn Kulturen besonders engstirnig und kleinkariert geworden seien, oft gekennzeichnet durch den Verlust von Kreativität, die Vernachlässigung von Poesie und Kunst oder sogar die Verweigerung von Kunst und, seltsamerweise, die Erstellung von Listen und den Ausschluss von Andersdenkenden. Zeigt sich dagegen eine geisteswissenschaftliche Aufgeschlossenheit und wird die Vielschichtigkeit des Daseins dargestellt, kann man eher davon ausgehen, dass dahinter eine gesunde Gehirnfunktion steht, die beide Gehirnhälften mit einbezieht, die alles in einen großen Zusammenhang stellt.

Wenn man in die Welt hinausschaut, muss man feststellen, dass wir eher ein vernachlässigendes Verhalten sehen, insbesondere durch die gegenseitige Ablehnung Andersdenkender, oder die soziale Ausgrenzung von Personen oder Organisationen aufgrund von angeblich beleidigenden, diskriminierenden, rassistischen, antisemitischen, verschwörungsideologischen, kriegerischen, antisemitischer, verschwörungsideologischer, kriegerischer, frauenfeindlicher, homophober Äußerungen bzw. Handlungen, sowie die Beschränkung auf vermeintlich „rationale“ Argumente, die zwar sachlich rational, aber nicht vernünftig sind, weil sie den Gesamtzusammenhang außer Acht lassen. Wir erleben eine Entweder-Oder-Mentalität, auch in der Politik, die wenig auf Details achtet, sondern auf Schlagworte, die meist von den sozialen Medien getragen werden. In der englischsprachigen Welt geht es intensiv zu, aber im deutschsprachigen Raum haben wir die Angewohnheit, Entwicklungen aus der anglophonen Welt zu übernehmen.

Es wäre ungewöhnlich, wenn niemand davon profitieren würde, und im Moment ist der Ruf nach autoritären Antworten ziemlich weit verbreitet. Die durch den Konflikt in der Ukraine ausgelösten Spannungen tragen dazu bei, dass alle etwas gereizt sind und der Geduldsfaden schnell reißt. Die Einschränkungen, der Verzicht und vor allem die Angst vor einem Krieg verstärken diese Entwicklung, die Menschen protestieren wieder, die Emotionen kochen hoch. Das ist eine normale Reaktion, aber dahinter stehen jene Gruppen, die einen grundlegenden Wandel herbeiführen wollen, und die gibt es auf beiden Seiten des politischen Spektrums. Auf der einen Seite gibt es diejenigen, die die Konventionen abschaffen wollen, auf der anderen Seite diejenigen, die die Konventionen verschärfen wollen. Auf der eine Seite will man eine radikal inklusive Haltung, das Niederschlagen sozialer Grenzen, und auf den anderen Seiten will man vermeintliche Schutzräume ausbauen, und exklusive Zutritt lassen, wer als vertrauenswürdig geachtet wird.

Es ist diese irrationale Ausschließlichkeit, dass McGilchrist als vergleichbar mit Neglect ansieht, die Unfähigkeit, die Anliegen der anderen Seite zu sehen, geschweige denn zu verstehen. In der Neurologie wird der Patient immer wieder sein Arm aufgedruckt, der Teller gedreht, damit die andere Seite wahrgenommen wird, aber es ist einen pathologischen Zustand – das heißt es wird nicht besser. Die Neuroplastizität dagegen gibt uns bei dem „gesellschaftlichen Neglect“ die Hoffnung, dass es durch die Veränderung der Gewohnheiten doch verändert werden kann, Voraussetzung wird aber sein, dass wir Persönlichkeiten haben, die der anderen Seite, die wir vernachlässigen, immer wieder vorhalten, und nicht solche, die das Ganze noch verstärkt.

Meine Befürchtung zurzeit ist, dass wir immer wieder die „Gehirnamputierten,“ die der Situation verschlimmern, das Sagen. Vielleicht liegt es daran, dass unsere Wahrnehmung verschleiert ist, so dass wir es nicht bemerken können, aber wir müssen lernen beide Hälften des Gehirns wieder im Betrieb zu nehmen. Nur so kommen wir wieder im Gleichgewicht, merken das es mindesten zwei Seiten zu einer Geschichte gibt, und wer schreit hat Unrecht. Manchmal gibt es keine andere Möglichkeit als beide Sichtweisen zu akzeptieren und beide Raum geben, und die Diversität der Menschen als Chance zu begreifen. Alles uniform zu gestalten, gleich zu sehen oder gar zu schalten, rufen vergangene Tagen in Erinnerung, die wir nicht vergessen sollten, aber diese Ereignisse geschahen nicht nur in Nazi Deutschland, sondern auch in der Sowjetunion und Kommunist China – überall, wo strenge Vorgaben durch autoritäre Führer gemacht wurden, und der Vielfalt nicht erlaubt wurde.

Das dürfte die beste Beispiel für das sein, was wir nicht wollen.


[i] McGilchrist, Iain. The Matter With Things: Our Brains, Our Delusions and the Unmaking of the World (S.111). Perspectiva Press. Kindle-Version.

[ii] https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/32491743/

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